Sechs Minuten nach sieben verlässt Manfred das Haus. Er liebt diese Exaktheit. Als Lehrer lebt er im 45-Minuten-Takt. Er macht sich auf den Weg wie an jedem Schultag, auch wenn es der Erste des neuen Unterrichtsjahres ist. In seiner Tasche hat er wie immer zwei belegte Brote, eines mit Wurst und eines mit Käse. Der fleischliche Genuss für die erste, der vegetarische für die zweite Pause. Zum Bahnhof hat er nur drei Querstraßen und dann den schmalen Weg über den Damm der eingestellten Nebenstrecke. Wahrscheinlich könnte er den Weg nach dreißig Dienstjahren auch schon im Schlaf zurücklegen. Wenige Minuten später wird er wie in den folgenden 182 Tagen auf Gleis 1 neben Fritz stehen, der Zug wird einfahren und mit jener Tür vor ihm halten, die in den am wenigsten besetzten Wagen führt.
Ausgerechnet bei der Überquerung des Dammes ist Frau Meier mit ihren drei Kindern vor ihm und versperrt ihm den Weg – wertvolle Sekunden. Sie geht doch sonst nicht um diese Zeit hier! Da fällt es ihm ein, ihr jüngstes Kind wird ja heute eingeschult, sie muss ihm den Schulweg zeigen, es auf alle Gefahrenstellen hinweisen und dann in die erste Stunde begleiten. Sie spricht ihn an: „Sagen Sie, wie lange ist heute Unterricht?“ Er erwidert ungeduldig, während er versucht, sich an der Familie auf dem schmalen Weg vorbeizuzwängen, „Aber Frau Meier, Ihr Jüngstes kommt doch in die Grundschule und ich unterrichte ja an der Höheren.“ „Ach ja, stimmt, das habe ich ja ganz vergessen, Sie sehen, so verwirrt kann man sein, entschuldigen Sie, trotzdem einen schönen Schultag heute, es ist ja auch für Sie der Erste. Kinder lasst den Herrn Studienrat vorbei!“ Obwohl Frau Meier nicht aufhören will zu reden, gelingt es ihm, die Familie zu überholen, während er „Oberstudienrat“ murmelt.
Als nächstes springt ihm neben der Dentodont-Werbung das Transparent der Verkehrswacht „Achtung Schulkinder!“ ins Auge. Für Lehrer kann das schon eine ernste Warnung darstellen. Beschleunigten Schrittes, um die verlorene Zeit aufzuholen, erreicht er den Bahnhof. Die Baustelle in der rechten Gebäudehälfte ignoriert er – er kennt sie seit Jahren. Er schreitet durch die immer gleiche Türe den gewohnten Weg zu Gleis 1. Da versperren ihm gekreuzte Holzlatten den Weg. Er blickt verstört nach oben. Da steht nur „Gleis“ auf dem blauen Schild, die Ziffer daneben fehlt, sie ist überklebt. Er geht nach links weiter, folgt den Menschenmassen, kommt zu den Zugängen zu Gleis 2 und 3. Auf den blauen Schildern sind die Fahrtrichtungen der Züge angegeben, sie weisen alle aus der Stadt hinaus, aber er will doch ins Zentrum. Wurde die Strecke eingestellt? Er hat in den Ferien keine Regionalzeitung gelesen. Er versucht umzukehren, doch die Scharen der Pendler schieben ihn weiter.
Na gut, dann eben durch den Verbindungstunnel zwischen den Gleisen, „sein“ Zug ist zwar schon weg, aber den nächsten würde er ja erreichen, so viel Spielraum hat er immer, er würde trotzdem pünktlich in die Schule kommen. Der Verbindungsgang ist da wie gewohnt, der Hinweis auf Gleis 1 ist überklebt. Er eilt völlig allein weiter. Auf halbem Weg ist dieser plötzlich blockiert, dafür öffnet sich rechts, wo früher eine Wand war, eine Tür, ein Durchgang zur Baustelle. Mit einer Mischung aus Befremdung, Verstörung und Neugier schreitet er durch. Er befindet sich in einer nie gesehenen, offensichtlich neu errichteten Halle. Überall stehen kleine runde Tische mit Sektgläsern, Knabbergebäck und Herren in schwarzem Anzug. Eine junge, etwas zu schicke junge Dame kommt auf ihn zu und drückt ihm ein Sektglas in die Hand. Ein bekannter Politiker tritt ans Mikrophon und setzt zu einer Rede an.
Da sieht Manfred vor sich die Rettung. Den Schaffner Eddie. Wie er wirklich heißt, weiß Manfred nicht, er nennt ihn so, weil er einem Schauspieler ähnelt, der in einem Film einen gewissen Eddie spielte. Die Handlung hat er vergessen. Manfred fragt also Eddie, wie er zu Gleis 1 käme. Eddie zeigt auf das Sektglas in seiner Hand, sagt „Ich bin nicht im Dienst, heute feiern wir doch – die Eröffnung des neuen Bahnhofsgebäudes. Trinken Sie – ist in Ihrer Monatskarte inbegriffen!“, dreht sich um und ist verschwunden. Da kommt ihm Fritz entgegen. Manfred will ihn schon ansprechen, „Fritz, wissen Sie, wie...“. Da fällt ihm ein, dass er ja gar nicht weiß, wie Fritz wirklich heißt, den Namen hat er ja nur ihm gegeben, weil er ihn an einen alten Schulfreund erinnert.
Plötzlich kommt ihm die rettende Idee: Er könnte eine Station stadtauswärts zu fahren und dann über den Hauptbahnhof zur Schule. So fährt er bis Steinsee, wechselt den Bahnsteig, blickt auf die Anzeigetafel, entdeckt aber keine Züge zum Hauptbahnhof, alle fahren noch weiter hinaus in die Außenbezirke, das Umland, aber keine ins Zentrum. Aber die anderen Passagiere wissen offensichtlich, wohin sie wollen, wohin sie müssen und eilen zielstrebig zu ihren Garnituren, deren Türen sich nach kurzen Warnhinweisen schließen.
Jetzt reicht es. Er hat zwar keine Chance mehr, rechtzeitig an seinen Dienstort zu kommen, aber um noch zu retten, was vielleicht zu retten ist, entschließt er sich, ein Taxi zu nehmen. Er erreicht den Standplatz und im vordersten Wagen sitzt, er glaubt nicht seinen Augen zu trauen – Caspar, sein ehemaliger Schüler, der ihm auf der weinseligen Abi-Feier das Du-Wort entlockt hat. Der hat ihn schon erkannt und ruft aus der elfenbeinfarbenen Limousine: „Na Manfred, schon pensioniert? Oder hast Du Dich verlaufen?“
Dann sieht er einen Polizisten, er spricht ihn an: „Entschuldigung, ich möchte ins Friedrich-Schiller-Gymnasium, wie komme ich dahin?“ Doch dieser antwortet ihm lachend: „Da musste lernen, lernen musste!“ Da fällt ihm erst auf, dass der Polizist eine blaue statt der üblichen grünen Uniform trägt. Ist die Dienstkleidung neu gestaltet worden oder gehörte dieser zur Bundespolizei, wie der Grenzschutz jetzt, als es keine Grenzen mehr zu schützen gibt, heißt? Er versucht auf das Wappen am Ärmel des Beamten zu schauen und erkennt einen Dreispitz. Fasching ist doch schon vorüber! Nun erscheinen noch mehr Polizisten, die einen Bierkasten mitschleppen, sie rufen laut: „Jetzt ist der Hans noch frei, bald ist der Spaß vorbei!“ – Junggesellenabschied.
Erschöpft lässt er sich auf eine Parkbank fallen und döst weg. Da stößt ihn jemand mit dem Ellenbogen in die Seite. Hat sich doch tatsächlich einer neben ihn gesetzt und wagt es, ihn zu stubsen! „Manfred“, sagt der Unbekannte, der unerklärlicherweise seinen Namen kennt, „Manfred, jetzt haben wir noch frei, bald ist der Spaß vorbei! Trotzdem – bei der Anfangskonferenz einschlafen, das geht nicht – Du wirst langsam wirklich alt.“

Begonnen im August 2007, dann vergessen, im März 2014 wieder gefunden und beendet.
Peter Gröbner