"Nein, so ein schöner", dachte sich der alte Gärtner. Aufmerksam betrachtete er den Schmetterling. Beide blieben still, regten sich nicht: der eine, weil er sich wohl ausruhte, der andere, weil er dessen Ruhe nicht durch eine unbedachte Bewegung stören wollte. Ungewöhnlich unbewegt zeigte sich dem alten Mann die Schönheit des Schmetterlings und der Mann betrachtete die anmutige Farbenmischung auf den Flügeln: ein sanftes Violett ging schwimmend in ein himmlisches Celestialblau über, berührte dabei nur andeutungsweise die Grüntöne, die man von unreifen Äpfeln kennt, bevor es sich an den Flügelrändern wieder in weichem Violett vollendete. "Nein, so ein schöner", wiederholte der alte Mann, der in seinem Leben Schmetterlinge zu Tausenden gesehen hatte.


Als Kind hatte er mit Wehmut ihre flatternde Freiheit bewundert und auch wenn er – ungebildet, ohne eine höhere Schule besucht zu haben – sich ihrer echten Namen nie bewusst wurde, so hatte er sich sozusagen doch zu einem Schmetterlingsexperten entwickelt. Beobachten konnte er immer gut, und Schönheit erkennen, genießen und bewundern liebte er auch. Oft und gerne hatte er seine Arbeit unterbrochen um ihnen nachzublicken, ihnen auf ihren Flügen gedanklich zu folgen und ihre Leichtigkeit neidisch zu bestaunen. Gewiss, es war eine sonderbare Faszination, aber wann hätten wir Menschen je eine ungeteilte Leidenschaft richtig verstanden um uns solch ein Urteil zu erlauben?


Der alte Gärtner erlaubte sich weiterhin keine Bewegung und wunderte sich schon ob der gelassenen Ruhe seines Flatterers. Er meinte, etwas in ihm zu erkennen, was ihn nicht los ließ und er wusste nicht, was es war. Und so wie das Wasser dem vorgegebenen Flusslauf willenlos folgt, so flossen seine Gedanken den so oft gefolgten Gang. Melancholische Sehnsucht war es, die ihn packte. "Sonderbar", sagte er leise, aber der Gedanke, einmal gefasst, ließ sich nicht vertreiben, so wie ein Ohrwurm ungewollt weiter klingt und wie auch der Hunger nicht weggedacht werden kann. Diesem Muster folgend fasste ihn der Drang, den Schmetterling zu besitzen, seine Schönheit für sich zu gewinnen um die Einsamkeit zu beenden und die Sehnsucht zu befriedigen.


Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, ein rascher Griff, ein sanftes Packen des Flügels und der Schmetterling wäre seiner, wenn er das Glück der verzögerten Schmetterlingsreaktion hätte. In ihm regte sich jedoch ein Zweifel: mit dem Alter war ein Zittern der Hände gekommen, das ihm zu schaffen machte; und "rasch" war auch nicht mehr seine Stärke. Somit gesellte sich die Sorge des Scheiterns, des abermaligen Scheiterns zur Melancholie und ein müder Kampf erfüllte die Gedanken des Gärtners. Fast resignierend versuchte er die Versagensängste zu bändigen - und hatte längst vergessen, dass das Wort "Versagen" ein viel zu krasses Urteil, eine fehlleitende Übertreibung, Einengung und Erstickung war. Das Lächeln hatte sich längst verzogen und ein verbitterter Blick belegte das Gesicht. Selbstzweifel, Selbsthass ob der Schwäche überkamen den Mann: sinnlos, aber doch überwältigend. Er schloss für einen Augenblick müde die Augen, und als er sie öffnete, setzte der Schmetterling an zu seinem flatternden Freiheitsfluge. "So ein schöner", stöhnte der Mann leise und schlappte gesenkten Blickes zurück zum Haus. Der Zweikampf im Kopf war entschieden, aber der Sieger würde ihm für den Tag keine Ruhe lassen: aus Sehnsucht ward Verlust geworden und Verlust war es, was ihm blieb.

Michael Schroll, 2012