Gewiss, der Winter hat viele Vorzüge, das will ich nicht bestreiten. Man schwitzt nicht hilflos gegen die Hitze an, man kann seinen eleganten Wintermantel tragen und allerhand Nützliches in den Taschen verstauen, man kann kalte Luft atmen und Plätzchen essen. Ja, das weiß ich zu schätzen. Aber – und das will ich hier notieren – er hat auch seine Nachteile, vor allem heute, wo man stets zur Rücksichtsnahme angehalten ist: man kann nicht entspannt rauchen. Cafés und Kneipen, Busse und Bahnen – man hat auf die Nichtgenießenden Acht zu geben, darf sie nicht mit seiner Sucht belästigen. Und so rauchen wir im Freien, mit frierenden Fingern vor der Tür, oder beim Spaziergang, immerzu die Hände wechselnd, wir ziehen Schal und Mantel an und eilen nach draußen.

Wie schön, wie willkommen dann aber die Abwechslung, wenn alle einmal aus dem Haus sind. Dann setze ich mich abends still in unsere Bibliothek, schalte die Schreibtischlampe an, mache es mir auf dem Sessel bequem und lasse Musik laufen. Verdi vielleicht, oder auch Puccini. Ich lehne mich zurück – der Wein ist bereits eingeschenkt! – und ziehe die Packung hervor. Ich lächle sanft, habe keine Eile: und zünde mir genüsslich eine Zigarette an. Die Spitze knistert beim Entflammen und ich ziehe den Rauch ein. Vor dem Licht der Lampe tanzt der Qualm. Wir wollen nicht poetisch werden, der sich auflösende Qualm mag nicht unsere zerflossenen Träume symbolisieren, er erinnert uns auch nicht an ein impressionistisches Gemälde und vielleicht stellt er auch ebenso wenig die Freiheit dar. Das gewähre ich euch. Aber eines lasst mich euch sagen: es ist doch schön auf eine ganz eigene Art. Und wie ich diesen Gedanken nachhänge, zünde ich mir mit wonnevoll warmen Händen eine weitere an. Ich freue mich, dass ich heute nicht mehr hinaus muss, habe alles hier, bin vollends zufrieden.

Während ich den Rauch beobachte, wie er in schönen Schwaden an der Bücherwand hinaufzieht, denke ich darüber nach, dass das Rauchen dem Nichtrauchen entschieden vorzuziehen ist. Säße ich hier ohne Zigarette, so verspürte ich den Drang, etwas zu tun, in einem Buch zu blättern, herausgenommene Bücher wieder einzuräumen oder irgendetwas zu tun, was der ökonomisierte Mensch als produktiv bezeichnet. Welch bessere Methode gäbe es, sich diesem Zwang zu entziehen, als bequem auf einem Sessel sitzend, den Rauch tief einzuziehen und genüsslich auszuatmen? All dies überlege ich mir, während ich eine weitere Zigarette anzünde. Ich antizipiere derweil den Vorwurf der Faulheit, dem will ich aber vehement widersprechen. Ich verbringe nicht jeden Abend nur rauchend, verdiene Geld, bin fleißig! Aber heute nicht, heute lese ich kein Buch, kümmere ich mich um keine Korrespondenz, um keine Pflicht, lasse die Aufgaben ruhen und bemühe mich nicht, irgendetwas zu leisten: ich entspanne mich, rauchend entspanne ich mich.

Während ich die Packung ergreife, spüre ich einen Vorwurf im Raum stehen: man könne sich doch auch ohne Zigaretten entspannen! Mit missbilligender Miene zögere ich. Gewiss, das wird möglich sein. Bisweilen mache ich das auch, aber es ist eben nicht so schön! Man stelle sich vor: man sitze auf einem bequemen Sessel, man ergänze ein Glas Wein, man stelle eine Schale Nüsse und Oliven hinzu, schalte Musik ein. Ein jedes Element dieser Szene befriedigt eine Dimension des Genusses – und dann schließlich, die Krone des Abends, eine schöne Zigarette. Eine ganz andere Ebene der Bedürfnisse findet seine Entsprechung! Durch diesen Gedanken beruhigt zünde ich mir meine Zigarette an, die ich schon erwartungsvoll in den Fingern gehalten hatte.

Als ich erkenne, dass der Rauch sich allmählich festsetzt, freue ich mich, dass ich in einer verrauchten Bibliothek sitzen darf. Verrauchte Eckkneipen darf es ja nicht mehr geben, auch verrauchte Cafés sind nicht mehr erlaubt, aber heute – nur heute, wo ja keiner im Haus ist! – habe ich eine verrauchte Bibliothek. Qualmte nicht Camus in französischen Cafés, als er sich mit den Intellektuellen seiner Zeit traf? Hingen nicht jahrzehntelang Rauchschwaden im Hawelka, wo sich die Wiener Künstlerszene austauschte? Denen mache ich es gleich, denke ich, während ich den Rauch langsam ausatme.

Michael Schroll, Dezember 2013