Ferdinand Rahner war ein alter Junggeselle jener Sorte, wie man sie heutzutage nur noch selten trifft. Er war ein pensionierter Gymnasiallehrer, der völlig zurückgezogen in einer kleinen Wohnung in der Altstadt wohnte. Er führte zu keiner Person auf dieser Welt eine nennenswerte Beziehung, was wir auf die Tatsache zurückführen wollen, dass er sehr langweilig war. Ja, er war so langweilig, dass niemand auf die Idee käme, sich mit ihm auszutauschen – und der Grund hierfür war leicht zu bestimmen: er hatte zu nichts eine Meinung, hatte keine Interessen, keine Hobbys und keine Vorlieben. Er entbehrte alles, was man an Menschen interessant finden kann. Er brillierte in nichts und war von einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem. Er hatte keine Präferenz für nichts: nicht beim Wetter, nicht beim Essen, nicht bei Musik und nicht beim Sport. In einem Worte, er war ein Mann, über den Robert Musil sein Buch sehr trefflich hätte schreiben können.

Da es nichts gab, was er gerne – oder ungerne – tat, kannte er weder Freude noch Leid, aber aus unerfindlichen Gründen tat er niemals nichts. Da er aber eben nicht las und keine Musik hörte, nicht bastelte oder spazieren ging, war es eigentlich nicht leicht, das Nichtstun zu vermeiden, aber Ferdinand Rahner hatte im Laufe der Jahre gewisse Beschäftigungen ersonnen, wo er die feine Balance zwischen Tun und Nichtstun sicher traf. So zerriss er beispielsweise die ungelesenen, aber sonderbarerweise stets vorhandenen Zeitungen in kleinste Schnipsel, die er dann in eine Papiertüte steckte. Oder er nahm einen Füller und füllte ein ganzes Blatt mit blauer Tinte; wenn kein Weiß mehr zu sehen war, zerriss er auch dieses in kleinste Teile und steckte es in die Papiertüte. Beizeiten nahm er auch ein ungelesenes Buch aus dem Regal und zählte die enthaltenen ’y’s und hatte somit über die Jahre einen guten Überblick über die Verteilung dieses raren Buchstabens in seinen Büchern erhalten. Andere Tage verbrachte er damit, das Telefonbuch neu zu ordnen: nicht alphabetisch, sondern der Nummer nach: bei 1000 (der Stadtbücherei) beginnend war er bei 1327 (eine Frau Karin Butt) angekommen. Dem Leser wird sich der Zweck dieser Beschäftigungen nicht erschließen – und auch der Erzähler bleibt ratlos – aber wir können doch mit einiger Sicherheit festhalten, dass Ferdinand Rahner tatsächlich ein sehr langweiliger Mensch war.

Dieser Umstand alleine rechtfertigt jedoch nicht, dass wir von ihm berichten, aber an einem Winterabend vor nicht allzu langer Zeit geschah etwas, was nun durchaus unsere erzählerische Beachtung verdient.

 

Ferdinand Rahner saß um 20 Uhr auf einem Sessel und zerriss mit gleichgültiger Miene den Wirtschaftsteil der Zeitung. In diesem Moment klingelte es an der Tür. Der Leser mag sich ob des unangekündigten Besuches wundern, aber Ferdinand Rahner war es selbstverständlich vollkommen egal. Als er die Tür geöffnet hatte, sah er eine mittelalte Frau mit einem überraschten Gesichtsausdruck: „Entschuldigen Sie, wohnt hier nicht Tobias Mindernickel?“ – „Nein, der wohnt eine Etage weiter oben.“ – „Ach so, verzeihen Sie bitte...“

Darauf setzte sich Ferdinand Rahner wieder an seinen Tisch und fuhr mit einem Ausdruck unaussprechlicher Indifferenz mit dem Zerreißen des Wirtschaftsteils fort. Nach wenigen Seiten hielt er jedoch inne: ihm fiel auf, dass Tobias Mindernickel vor einer Woche verstorben war. Er erinnerte sich, wie er die Träger der Leiche im Treppenhaus gesehen hatte: jawohl, Tobias Mindernickel war tot.

Mit einem kaum bemerkbaren Nicken stand er auf und ging zur Tür um die umsonst Klingelnde über den Tod des Nachbarn zu informieren: „Herr Mindernickel ist letzte Woche verstorben“, so Ferdinand Rahner, als die Frau die Stufen herab kam. „Tatsächlich?“, erwiderte diese bestürzt. „Warum sagen Sie das denn nicht gleich?“ – „Ich vergaß“, sagte er mit seiner ausdruckslosen Stimme. „Aber, aber...“, stammelte die Dame, fasste sich jedoch sogleich. „Ich verstehe schon...“ – „Gut“, so Ferdinand Rahner und er wollte sich bereits wieder zurückziehen, als die Dame nachsetzte: „Könnte ich bei Ihnen vielleicht ein Glas Wasser trinken, weil mir ist ein wenig unwohl.“ – „Ja“, so Ferdinand Rahner und führte die Dame in seine Küche, reichte ihr ein Glas Wasser und wartete.

„Standen Sie Herrn Mindernickel nahe?“, begann sie mit aufmerksamem Blick. Als Ferdinand Rahner dies verneinte, begann die Dame zu reden: „Ach, wissen Sie, ich stehe ihm ja auch nicht nahe. Was heißt stehe?, stand wäre richtig. Schließlich lebt er ja nicht mehr. Also stand. Ist es aber nicht sonderbar, wissen Sie, wie schnell es gehen kann? So was! Ich habe ihn ja jahrelang nicht gesehen, aber zufällig sah ich seinen Namen auf der Haustür. Er war mein Lehrer, wissen Sie, mein Geschichtslehrer. Und ich kam sehr gut mit ihm aus.“

Ferdinand Rahner verfolgte diese Bemerkungen mit einer Miene vollkommenen Desinteresses, was der Dame nicht entging. Sie fuhr jedoch unvermindert fort: „Es war nicht so, dass er so einen prägenden Einfluss auf mein Leben gehabt hätte, wissen Sie, aber wir kamen doch gut klar und ich hatte ihn gern. Also dachte ich mir, ich schaue kurz bei ihm vorbei und frage ihn, wie es ihm so geht...“

So plauderte die Dame ohne sich vorgestellt oder hingesetzt zu haben. „Ich denke mir nämlich immer, dass sich ein ehemaliger Lehrer bestimmt freut, eine alte Schülerin wiederzusehen und zu erfahren, dass er nicht vergessen wurde. Glauben Sie nicht, Herr...?“ – „Rahner“, so Ferdinand Rahner. Und er setzte ein „Das weiß ich nicht“ hinzu. „Nun, mein Name ist Karin Butt, sehr angenehm. Und ich glaube doch, dass es schön für einen alten Lehrer ist. Schließlich weiß man so, dass man wertgeschätzt wurde, meinen Sie nicht auch? Aber gut, dafür ist es nun leider zu spät. Er hatte gewiss ein sehr erfülltes Leben.“, sagte Frau Butt, trank aus und füllte mit einem entschuldigenden Lächeln ein weiteres Glas.

„Was machen Sie denn beruflich, Herr Rahner? Oder sind sie bereits in Rente?“ – „Ich bin pensionierter Lehrer“, so Ferdinand Rahner. – „Ach, tatsächlich? Das ist ja famos! Ich glaube, ich wäre eine gute Lehrerin gewesen, denn ich liebe Kinder und das ist ja auch die Hauptsache, nicht wahr?“ – „Das mag sein“, so Ferdinand Rahner ein wenig verwirrt. – „Aber nun können Sie Ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Das ist ein schönes Wort, finden Sie nicht? Ruhestand. Man steht in Ruhe – die Ruhe steht, die Aufgaben ruhen, man kann sein Leben genießen. Ich freue mich bereits auf meinen Ruhestand“, sagte sie lebhaft, während sie das Wort Ruhestand gedehnt und betont aussprach. „Dann hat man endlich Ruhe von all den Kunden und kann das machen, wofür man sonst nie Zeit hat. Womit verbringen Sie denn Ihre Zeit, Herr Rahner? Ich würde nämlich reisen, sehr viel reisen. Ich möchte nämlich einmal nach Italien. Das wäre famos! Waren Sie bereits in Italien? Es muss ein schönes Land sein, mit Nudeln und netten Menschen, ganz anders als hier, da bin ich mir sicher.“ Sie blickte Ferdinand Rahner mit einem leicht dummen Lächeln an, aber der erwiderte nur kurz, „Ich war nie in Italien.“ – „Aber das ist ja auch ganz einerlei, es gibt viele schöne Länder. Und viele schöne Dinge, die man tun kann. Ich würde zum Beispiel auch unheimlich gerne musizieren, da Musik das Schönste auf der Welt ist, meinen Sie nicht auch? Also ich schon! Ich würde gerne Gitarre spielen, die ist nämlich sehr vielseitig und gar nicht so schwer zu erlernen, anders als das Klavier. Ich habe gelesen, dass berühmte Pianisten auch im hohen Alter stundenlang üben müssen, das würde ich nicht wollen, dafür habe ich keine Zeit. Überhaupt kommt man ja zu nichts, weil ständig irgendetwas los ist. Die Kinder wollen etwas und wenn die nichts wollen, so stört der Mann. Und gibt der Ruhe, dann nervt die Arbeit, ich glaube, das wird sich nie ändern. Auch im Ruhestand nicht, denn irgendetwas ist ja immer.“, sagte Frau Butt, woraufhin Ferdinand Rahner ein schlichtes „Ja“ einwarf.

Daraufhin regte sich jedoch in ihm ein sonderbares Verlangen, weiter zu reden. Er empfand es als unpassend, hier in seiner Küche solche Vorträge gehalten zu bekommen, die auch noch inhaltlich sehr widerspruchsvoll waren. Da wolle sie Ruhe, freue sich auf den Ruhestand, aber glaube nicht daran, dass es je Ruhe gäbe; da möchte sie ein Instrument im Ruhestand erlernen, weil sie dann Zeit hätte, aber dann hätte sie niemals die Zeit, das Spielen zu üben. Er empfand diese Widersprüche als belästigend und so setzte er an. – „Ich arbeite ja selber in einer kleinen Lotterie“, fuhr Frau Butt jedoch ohne auf seinen Redeversuch achtzugeben fort. „Da ist immer so viel los, das ist sehr anstrengend. Dabei verkaufe ich nicht nur Lose. Heute gibt’s in einer Lotterie ja alles, Zigaretten und Zeitungen, Getränke und Süßigkeiten. Irgendwann, sage ich immer, verkaufen wir bestimmt auch Wurst und Käse“, sagte Frau Butt und prustete lachend los, was Ferdinand Rahner nochmals verstörte. Er selbst – gewiss kein Fachmann in humoristischen Angelegenheiten – fand diesen Scherz selbstredend kein bisschen lustig und wollte nun wirklich auf die Ungereimtheiten zuvor eingehen: als Frau Butt erneut plaudernd fortfuhr: „Wissen Sie, es gibt drei Sorten von Kunden in Lotterien: die einen sind meine Stammkunden, übrigens auch ein schönes Wort, finden Sie nicht auch? Stammkunden. Ohne den Stamm gibt’s keine Krone auf dem Baum und der Kunde ist ja König, nicht wahr? Hihihi“, verfiel Frau Butt noch einmal in heiteres Lachen, welches Ferdinand Rahner nun mit einem düsteren Blick quittierte. Frau Butt – unbeeindruckt – setzte die Kundencharakterisierung fort: „Hihi, ja. Aber zweitens sind da die Hin-und-wieder-Kunden, die mal wegen Zigaretten oder Kaugummis reinschauen. Da gibt es auch viele! Und dann die, die ich nur einmal sehe, wahrscheinlich Touristen oder Ausländer. Ja, so ist das.“.

Ferdinand Rahner, verwirrt und überfordert, da er nicht wusste, ob er nun wirklich darauf hinweisen solle, dass sie doch gesagt habe, sie hätte im Ruhestand Zeit, um kurz darauf zu sagen, sie hätte für das Gitarreüben keine Zeit. Das sei ein Widerspruch, dachte Ferdinand Rahner, aber eben da fiel ihm auch auf, welch wertlose Charakterisierung ihrer Kundschaft sie ihm geboten hatte: und das auch noch in seiner Küche! Ferdinand Rahner war überfordert. Er zögerte, dachte nach und vernahm urplötzlich folgende Worte aus Frau Butts Mund: „Aber nun muss ich wirklich nach Hause, sonst kommt man hier ja zu gar nichts. Ach, wenn ich nur in Ruhestand wäre, dann hätte ich endlich Zeit...“ Und mit diesen Worten verabschiedete sich Frau Butt, wünschte Ferdinand Rahner noch einen schönen Abend und schloss die Türe laut knallend hinter sich.

 

In diesem Moment machte Ferdinand Rahner etwas sehr Untypisches für ihn: er wurde leicht rot, er ballte seine an den Hüften liegenden Hände zu Fäusten, er atmete tief ein um dann mit geschlossenen Augen genervt hervorzustoßen – „So eine dumme Nuss!“ Entgeistert blickte er auf die Wohnungstüre und dachte über den sinnfreien Redeschwall dieser Lotterieverkäuferin nach. Auch dies – möchte der Erzähler bemerken – war untypisch, da er für gewöhnlich wenige Interaktionen hatte und ihm demnach selten solch ein Ereignis zustieß. In diesem Zustand innerer Wallung weiter verharrend, setzte Ferdinand Rahner seine selbstgesprächigen Bemerkungen fort: „Die Kundeneinteilung! Der Wurst-und-Käse-Witz! Ihre Zeit! Nein, also so eine dumme Nuss“, sagte Ferdinand Rahner und schüttelte sehr bemerkbar, fast lebhaft den Kopf. Er war unfähig, diesen Besuch sogleich zu verarbeiten – oder besser: abzuhaken, wie er es eben gewohnt war, Dinge im Leben zu nehmen: abhaken und vergessen. Etwas schwirrte in seinem Kopf herum.

Gewiss, wären andere Personen zugegen gewesen, sie hätten keinen verzweifelt schimpfenden, gar einen laut wütenden Mann gesehen. Äußerlich machte Ferdinand Rahner keinen besonderen Eindruck und auch innerlich offenbarte er nichts Ungewöhnliches: aber da seine grenzenlose Teilnahmslosigkeit eben in sich selber ungewöhnlich war, so empfand er diese Regung des Genervtseins nun seinerseits als ungewöhnlich, ja empörend!

So wandte er sich nach links, so wandte er sich nach rechts – und als er feststellte, dass das fortgesetzte Verharren vor der Wohnungstüre das Geschehene nicht ungeschehen machen würde, begab er sich ins Wohnzimmer. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und nahm seinen Kugelschreiber zur Hand und ließ ihn seiner Gewohnheit nach hüpfen: das verschließende Klicken aktiviert nämlich beim senkrechten Aufsetzen einen Sprungmechanismus, den Ferdinand Rahner nutzte, um den Kugelschreiber am höchsten Punkt mit dem Zeigefinger und dem Daumen zu fassen. Dies tat er etwa fünfzehn Minuten lang, was ihn augenscheinlich beruhigte. Die angespannten Gesichtszüge waren einem Ausdruck ruhiger Gleichgültigkeit gewichen.

Nach einer Weile blickte er auf die Wanduhr und stellte fest, dass noch eine Stunde bis zur Schlafenszeit war, was ihn dazu veranlasste, mechanisch die Schublade zu öffnen und das Telefonbuch herauszuholen. Ferdinand Rahner tat dies ohne Anzeichen einer Regung, in etwa so, wie man Papier zerreißt. Nichts deutete darauf hin, dass etwas Neues in Angriff genommen wurde. Dennoch nahm er also das Telefonbuch zur Hand, lag es auf die rechte Seite des Schreibtisches, lag sein Telefonbuch zur Linken und schaute nach, wo er stehen geblieben war: 1327 stand da direkt unter 1326: Karin Butt.

Ferdinand Rahner hielt inne. 1327, Karin Butt. „So eine dumme Nuss“, murmelte er. „Irgendwann verkaufen wir auch Wurst und Käse, hihi“, äffte er sie in einer hohen Stimme nach, was dem Ganzen wahrlich einen skurillen Klang gab. Hierbei will der Erzähler einschalten, dass Ferdinand Rahner eine sehr tonlose Stimme hatte. Beim Sprechen entbehrte sie jeglicher Hebungen und Senkungen, das Betonen einzelner Silben – oder gar Wörter – war ihr unnatürlich und überhaupt sprach er wie der Vorleser eines Wörterbuchs. Grammatikalisch korrekt ließ er ein Wort auf das andere folgen, was stets den Eindruck etwas Unvollständigen hinterließ. Demnach hatte sein Nachäffen auch kaum eine Ähnlichkeit mit Karin Butt. Es entbehrte vollkommen der blubbernden Einfältigkeit, aber das fiel ihm gar nicht auf. „Karin Butt“, sagte er sich also noch einmal – diesmal so, wie wenn man aus einem Telefonbuch vorliest. Leichte Verärgerung stieg in ihm auf: die Störung unterbrach nun auch seine abendliche Telefonbuchneuordnung, was ihn dazu veranlasste mit gerunzelten Augenbrauen seinen Mund ein wenig zu spitzen. Nicht wie beim Kusse – Gott bewahre! – aber als Ausdruck einer gewissen nachdenklichen Unzufriedenheit.

So verharrte Ferdinand Rahner für mehrere Augenblicke. Wiederholt schüttelte er dabei den Kopf, er schien noch immer überfordert zu sein, sich voll und ganz seinen Beschäftigungen zu widmen. So blickte er zur Linken, so blickte er zur Rechten und musste erneut feststellen, dass dies nichts brachte. Schließlich fiel ihm nichts anderes ein, als zu Bett zu gehen und so dem für ihn stürmischen Tag zu fliehen.

 

Am nächsten Morgen erwachte Ferdinand Rahner indes vollends erholt und wie gewohnt ohne jeglichen Tatendrang. Er setzte sich an den Küchentisch und aß wie immer sein Muesli, das heißt er begann mit dem Verzehr der getrockneten Bananen, machte sich dann an die Haferflocken, ging dann gewissenhaft zu den Mandelstücken über und aß schließlich die Rosinen. Es war weniger eine Ordnung nach Geschmacksvorlieben, als eine bewusst gewählte alphabetische Reihenfolge.

Der Erzähler sorgt sich an dieser Stelle, den Leser mit den Alltagsbeschreibungen Ferdinand Rahners zu ermüden, sodass er nur noch bemerkt, dass Ferdinand Rahner seinen Tag geruhsamst gleichgültig verbrachte – bis 16 Uhr, als es wider Erwarten an der Tür schellte. Ferdinand Rahner schloss für einen Augenblick entnervt die Augen und legte den Füller beiseite.

Sodenn öffnete er die Türe und erblickte: mit strahlendem Lächeln Karin Butt. „Hallo Herr Rahner“, begann sie aufgeregt, „ich hoffe, ich störe nicht! Aber nach unserer netten Unterhaltung gestern wollte ich sie noch mal besuchen. Ich habe Ihnen auch einen Kuchen gebacken. Ich dachte, Sie als Junggeselle, ja, wahrer Hagestolz, backen bestimmt nicht. Hagestolz, hihi, sind Sie stolz, hager zu sein? Hihi, ein lustiges Wort.“

Und so trat sie ein: unangemeldet, unwillkommen, störend. „Darf ich?“, fragte sie mit entschuldigendem Lächeln, während sie in der Küche schon Teller und Gabeln suchte. Ferdinand Rahner blickte sie indessen finster an, was ihr jedoch entging, denn sie deckte bereits mit einer erstaunlichen Flinkheit den Tisch.

Er ergab sich mit langsamer, hilfloser Gebärde seinem Schicksal. Er würde also mit Karin Butt ein Stück Kuchen essen, ein Kuchen, den – wie sie heiter plaudernd erläuterte – ihre Großmutter immer gebacken hatte. „Ganz wie in Omas Küche, hihi, so heißt es doch immer in der Werbung! Und deshalb...“ – „Frau Butt!“, unterbrach er sie auf seine Weise fast forsch, woraufhin Frau Butt lächelnd erwiderte: „Ja, so heiße ich, seit ich meinen Mann geheiratet habe...“. Sie missverstand seine ungeübte Emphase ohne mimische Veränderung als Frage und fuhr dann belustigt fort: „Und früher hieß ich Fischer. Also habe ich mir einen Stö(h)r geangelt. Das war ganz famos, huhu!“ – „Frau Butt!“, so Ferdinand Rahner nach einem Bissen Marmorkuchen noch einmal, diesmal mit einer ungelenken Betonung des ersten Wortes. – „Ja“, sagte sie mit nahezu schmachtender Stimme: „Schmeckt er Ihnen? Das freut mich, meine Kinder essen den auch so gerne, vor allem der Kleine, das heißt, er ist gar nicht mehr der Kleine, er ist ja viel größer als die Große, hihi...“

Ferdinand Rahner blickte sie entgeistert an. Unvermindert plauderte sie in einem fort und mit seinem wie auch immer betonten „Frau Butt!“ kam er ihr nicht bei. Gleichgültig seinen Marmorkuchen verzehrend – erst die dunklen, dann die hellen Teile: auch in Stresssituationen will die korrekte Reihenfolge befolgt sein! – ließ er Frau Butts Schwadronieren über sich ergehen.

Allmählich hörte er auf, zuzuhören. Das Geschwätz wurde ein blubberndes Hintergrundgeräusch, einzig unterbrochen von oft eingestreutem, albernem Kichern. Eine gewisse Zeit verging, Ferdinand Rahner hatte sein Stück gegessen und als er wieder ihren Worten folgte, hörte er, wie sie stolz verkündete: „...und deshalb nannten mich meine Eltern Karin!“ und schaute ihn fast herausfordernd an. „Meine Mutter hieß auch Karin“, entgegnete Ferdinand Rahner sehr beiläufig. „Wirklich, das ist ja ganz famos!“ – und ein weiterer Redeschwall begann, was Ferdinand Rahner zur Erkenntnis brachte, dass jegliche Kommentare das Ende nur hinaus verzögerten. So beschloss er, resigniert zu schweigen.

Als er aus einem weiteren Aufmerksamkeitsschlummer erwachte, zählte Karin Butt die Zigarettenmarken auf, die sie in ihrer Lotterie verkaufte: „L&M, HB, Marlboro, Camel...“

Ferdinand Rahner folgte ihren Ausführungen mit einem Ausdruck unaussprechlicher Indifferenz. Ja, sein Gesicht zeigte eine gleichgültige Miene vollkommenen Desinteresses. In einem Worte, er befand sich ganz in seinem Metier. Er blickte nach links, er blickte nach rechts und stellte fest, dass er genauso gut an seinem Telefonbuch arbeiten könnte – oder eben einfach hier am Tische mit Karin Butt sitzen bleiben könnte: es käme doch letztlich aufs Gleiche raus. Mit kaum wahrnehmbarem Nicken stimmte er innerlich dieser Erkenntnis zu und lehnte sich teilnahmlos zurück.

 

Und so kam es also, dass Ferdinand Rahner in seinen alten Tagen doch noch sozialen Umgang pflegte und eine – wir wollen es doch hoffen: – willkommene Abwechslung geboten bekam. Karin Butt setzte ihre Besuche in der Folgezeit nämlich fort und genoss es augenscheinlich, einen stillen, unkomplizierten Zuhörer zu haben. So blieb sie also immer heiter plaudernd, bis sie schließlich zu sagen gewohnt war, „Aber nun muss ich wirklich nach Hause, sonst kommt man hier ja zu gar nichts. Ach, wenn ich nur im Ruhestand wäre, dann hätte ich endlich Zeit...“. Übrigens sagte sie dies in einer begrüßenswerten Regelmäßigkeit, die einem anderen Menschen als Ferdinand Rahner vielleicht sogar ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert hätte, wiewohl es ihm selbstverständlich vollkommen egal war... 

 Michael Schroll, 2014