And sometimes think in all this world the saddest thing to be
Is old admirals who feel the wind, and never put to sea.

                                                Al Stewart

 

Es war nach einer Geburtstagsfeier seines Freundes Olaf, dass sich Lars Petersen mit einer Zigarre am Ende des Piers in Travemünde niederließ. Es war ein nettes Beisammensein gewesen: herbes Dithmarscher Pils ward getrunken, ein guter Korn zur Abwechslung, das gemütliche Schwelgen in Erinnerungen, das Wiedererzählen alter Geschichten, die niemals langweilig werden. Dazu das liebevolle Spotten mit der gespielten Empörung – den alten Sprüchen, die nicht ihres Gehalts wegen wertvoll sind, sondern durch ihre Vertrautheit ein behagliches Gefühl der Geborgenheit erzeugen. „Alte Freunde“, dachte sich Lars Petersen, „sind doch…“ – aber er beendete den Gedanken nicht. Er fand nicht das Wort für dieses Gefühl der Wiederzusammenkunft, wo man in alte, bequeme Rollen schlüpft, ein jeder seinen Platz hat und alle zum gelungenen Abend beitragen, wie sie es schon unzählige Male zuvor gemacht haben. 

Mit einem stillen Lächeln ließ er den Abend Revue passieren und da er doch einiges getrunken hatte, waren dies sehr angenehme, heitere Gedanken. Der Jung-Overbeeck, der Fischer Groissböck, der alte Kallinger – die alten Freunde.

Lars Petersen überlegte sich, wie viele Bier ihm diesen Zustand gebracht hatten, wo er ohne Eile und ohne Zeitgefühl auf der Bank saß und aufs Meer blickte – allzu viele waren es nämlich nicht gewesen und wohl deshalb fühlte er sich so gut: es war kein Rausch, sondern nur der anfängliche Zustand der Trunkenheit, wo man mit allem zufrieden ist, wo man sich gelassen zurücklehnt, die vernebelte Wonne im Kopf spürt und für das Schöne, für den Genuss empfänglich ist. „Kaiff zu sein, ist wirklich etwas Feines“, dachte er sich schmunzelnd. Er hatte das Wort von einem Seemann aus Murmansk gelernt. Der hatte es damals mit Gesten auf Englisch, Russisch und ein wenig Deutsch erklärt und Lars Petersen hatte ihn sofort verstanden.

1979 war es gewesen, auf der Gdansk, als er mit diesem Russen in der Messe saß. Eine Flasche Wodka, zwei Gläser und mit seinem tiefen, hallenden Bass erklärte Kolja die russischen Worte für verschiedene Trunkenheitsgrade. Lars Petersen sah nach all den Jahrzehnten das derbe, unrasierte Slawengesicht mit den blitzenden Augen vor sich. Er selber war amüsiert gewesen, hatte mit gönnerhafte Miene zugehört und dem alten Russen die Freude gelassen, die stolze Vielseitigkeit seiner Landessprache zu präsentieren. Er selber hatte nie viel gesprochen, aber den anderen doch großzügig die Freude gewährt, die ihnen ein offenes Ohr machte, wiewohl er selber nur mit einer gewissen Selbstgefälligkeit Begeisterung zur Schau stellte. Überlegen hatte er sich damals gefühlt, überlegen, weil er keine Bestätigung und Aufmerksamkeit brauchte um mit sich selbst leben zu können. Oft hatte er Kameraden auf den Schiffen gehabt, denen die Einsamkeit zur See nahe ging und die sich deshalb ständig anderen Leuten anvertrauen mussten, stets deren Gesellschaft benötigten – aber er selber musste sich nie preisgeben, nie von persönlichen Dingen sprechen: weil er es nicht nötig hatte, wie er sich immer sagte.

Welch sonderbare Gestalten hatte er nicht auf Schiffen kennen gelernt, dachte er sich nun, wie viele Stunden mit ihnen trinkend auf der See verbracht. Der Ire Cormac fiel ihm ein, der stets das Glas mit der linken Hand ansetzte, aber unabänderlich mit Rechts wieder absetzte: „Das vertreibt die Dämonen, eine alte irische Weisheit“, hatte er immer wieder mit erhobenem Zeigefinger stolz erklärt. Lars Petersen hatte viele Iren gefragt: keiner kannte diese Weisheit, aber Cormac war auch ein Vielredner gewesen, der all seine Eigenheiten als gälische Tradition, irische Weisheit oder keltische Angewohnheit rechtfertigte. Alles an ihm war so ganz und gar irisch, dass man den Eindruck bekam, dass dieses Volk überhaupt keine Vielseitigkeit hätte, weil eben alle Iren dieses oder jenes ohne Unterschied genauso machten. Da uisce batha das Wasser des Lebens bedeutete, so konnte man meinen, dass Cormac die Unmengen an Whiskey nur trank, weil alles andere seine Vorfahren aufs Übelste beleidigt hätte. So konnte er sich einreden, dass seine großen Vorfahren durch seinen Whiskeykonsum in ihm weiter lebten. Leicht verwundert schüttelte Lars Petersen den Kopf bis er plötzlich an den alten Vala denken musste, der eben nie trank. „Vala, Valasatidis? Ein Este und welch ein Kauz!“, murmelte er. Er weigerte sich partout, auf See zu trinken – was an sich schon bei Vielen als Sonderbarkeit galt, aber seine Begründung war noch abstruser: Er trinke nur zu Hause in Estland und wenn er auf See tränke, könne er für nichts garantieren. Das Heimweh würde ihn packen und betrunken könne er sich nicht kontrollieren. Er schwöre bei Gott, dass er ins Wasser spränge und nach Hause zu schwimmen versuchen würde. „Garantiert, ich scherze nicht!“, schimpfte er, wenn einer spottete und schlug mit seiner blassen Hand auf den Tisch. Und war dies Ritual erledigt, nippte er an seinem schwarzen Tee und blickte mit seinen hellen Augen herausfordernd um sich.

Allmählich belustigten diese Erinnerungen Lars Petersen nicht mehr. Eine sonderbare Ahnung erfüllte ihn. Er konnte den Gedanken nicht fassen, da diese Geschichten doch eigentlich schöne Erinnerungen beinhalteten. Aber was hat es mit schönen Erinnerungen auf sich? Ist es nicht so, dass schöne Erinnerungen nur dann schön sind, wenn sie aktuell sind: aktuell in dem Sinne, dass sie noch greifbar, wieder erlebbar sind. Aber wenn sie einmal unwiderruflich vergangen sind, dann sind sie auch unwiederbringlich verloren. Wenn die Umstände des Erlebten einer endgültigen Vergangenheit angehören, so trübt dies auch die Erinnerung, die sich so zu Nostalgie entwickelt – und schließlich nur noch Sehnsucht erzeugt.

Lars Petersen blickte nachdenklich auf die See. Die Zigarre war in der Zwischenzeit erloschen ohne dass es ihm aufgefallen wäre. Er verzog seine Miene, runzelte die Augenbrauen und betrachtete mit leerem Blick das Meer. Eine sich langsam anbahnende Erkenntnis belastete seine Gedanken: all die Gestalten vereinte scheinbar eine Sehnsucht nach dem Zuhause, ein Stolz auf das Heimatland, auf die Sprache, die Traditionen. Lag es daran, dass sich Lars Petersen immer überlegen gefühlt hatte? Weil er nicht von seinem Heimatland sprach, nicht auf seine Herkunft stolz war? Weil er nicht hier, nicht hier in Travemünde zu Hause war, sondern dort, da draußen auf der See.

Mit einem Male merkte er mit kristallener Klarheit, dass hierin eine tiefe Erkenntnis ruhte: auf dem Meer hatte er sich immer glücklich gefühlt. Es war die Mischung aus Eintönigkeit und Verantwortung. Die Aufgaben waren klar umrissen und mit der Erfahrung kam die Routine. Auf See zu sein erzeugte erfassbare Gefühle. Es lag nicht daran, dass man keinen festen Boden unter den Füßen hatte – man war daran gewöhnt, natürlich war man daran gewöhnt. Es war vielmehr die Abgegrenztheit des begehbaren Raums – gepaart mit der immergleichen Umgebung des Wassers, die eine verständliche Lebenswelt kreierte. Dieses Paradox hatte ihn immer beruhigt, die verständliche Übersichtlichkeit seiner Situation ihm einen Anker geboten.

Zu Land war es anders gewesen. Gewiss, den mondänen Vergnügungen hatte auch er zugesprochen. In Stockholm eine Prostituierte besuchen war nichts Besonderes. Aber es war im Urlaub, war Urlaub: die – erneut: begrenzte, klar umrissene – Zeit zwischen zwei Seegängen konnte man ausfüllen. Aber sind nicht die Vergnügungen am angenehmsten, die dem Leben, der Zeit abgerungen werden – und nicht die, die unveränderbar direkt vor uns liegen?

Lars Petersen fühlte, wie diese Gedanken ihn beschwerten, aber er konnte nicht von ihnen ablassen. Die Aussicht – wie auch die Pflicht – zur nächsten Abfahrt erlaubte ihm, den Landgang zu genießen, aber als mit seinem Ruhestand diese Aussicht verschwand, so fiel ihm sein Landleben immer schwerer. So wie die Erinnerungen, die – wenn einmal unwiederbringlich verloren – Sehnsucht erwecken, so nahm diese mangelnde Aussicht ihm die Lebensfreude: denn eine unstillbare Sehnsucht gleicht einer tiefen Leere; und wer nicht hoffen darf, kann nicht mehr leben.

Wie fern war der angenehme Abend in der Kneipe nun! Wie fern war die Aussicht, auf See zu fahren! Wie traurig fühlte sich Lars Petersen! Erschöpft stand er auf und schritt das Pier zurück. Wie um sich selbst Mut zu machen, pfiff er dabei die Melodie Old Admirals. Doch seine Augen zeigten eine bittere Traurigkeit, während der Seewind unvermindert in sein Gesicht blies.

 

Michael Schroll, 2014