In einem Wiener Kaffeehaus hatte Leopold Gracher eben seinen kleinen Braunen bestellt, als  er sich seine Zigarette anzündete. Gleichgültig-entspannt den Rauch ausatmend lehnte er sich zurück und blickte aus dem Fenster.

Zur gleichen Zeit im gleichen Café zündete sich auch Leon Balda eine Zigarette an. Er tat dies mit einem unverkennbaren Lächeln, das eine fast unschuldige Freude ausdrückte. Auch er bestellte einen kleinen Braunen und sah sich seinerseits zufrieden im Café um. Es war ein traditionelles Kaffeehaus mit hohen Fenstern, charmant abgenutztem Inventar und einem breiten Tisch mit ausgelegten Zeitungen in der Mitte.

Gewandten Schrittes brachte der tadellos gekleidete Ober die beiden Kaffees. Leopold Gracher bedankte sich mit einem Nicken, ließ zwei Zuckerwürfel in die kleine Tasse fallen, rührte um, schüttete gewohnheitsgemäß einen Teil der Milch aus dem metallenen Kännchen hinzu und nahm einen kleinen Schluck, woraufhin er wieder aus dem Fenster blickte.

Leon Balda mochte keinen Zucker in seinem Kaffee, fühlte sich jedoch von der getragenen Selbstverständlichkeit des Herren am Nebentisch ein wenig eingeschüchtert. Denn selbst wenn man nicht in Rom ist, möchte man sich doch an die örtlichen Gepflogenheiten halten. So nahm er denn ein Zuckerstück, rührte um, ergänzte die Milch und sah sich befriedigt um.

Leopold Gracher zog an seiner Zigarette, warf einen oberflächlichen Blick auf Leon Balda, wandte sich wieder dem Fenster zu und nippte an seinem Kaffee.

Leon Balda folgte seinem Beispiel und merkte sogleich, dass er Kaffee mit Zucker wirklich nicht mochte. Der süßliche Ton passte seines Erachtens nicht zum herben Charakter des Kaffees. So verzog er missvergnügt die Miene und blickte den Herren am Nebentisch vorwurfsvoll an.

Leopold Gracher saß augenscheinlich sehr bequem auf seinem Stuhl. Mit seinem gut gebauten Körper füllte er den Platz, ohne ihn zu überanspruchen, die Arme ruhten auf den Armlehnen, die Zigarette hatte genau den richtigen Abstand zum Aschenbecher. In der Tat schien dieser Platz in diesem Kaffeehaus wie für ihn erschaffen.

Leon Balda merkte hier, dass er nicht so entspannt da saß. Die Rückenlehne war zu steif für seinen Geschmack, die Armlehnen zu kurz, der Aschenbecher stand zu weit weg, als dass man mit einer beiläufigen Handbewegung die Zigarette hätte entäschern können. So setzte er sich also gerade hin, schob den Aschenbecher etwas näher und versuchte ähnlich entspannt zu sitzen wie der Nebenmann.

Leopold Gracher hatte seine Zigarette in der Zwischenzeit zu Ende geraucht. Er drückte sie mit einer gekonnten Bewegung lässig aus und veränderte hierbei seine bequeme Sitzhaltung nicht im Geringsten. In fast ehrfurchteinflößender Selbstsicherheit saß er da und blickte überlegen aus dem Fenster.

Auch Leon Baldas Zigarette war abgebrannt, so sehr, dass der letzte Zug unangenehm heiß auf den Lippen brannte. Er ließ sich dies nicht anmerken und drückte nun seinerseits die Zigarette aus. Er tat dies aber etwas unbeholfen, sodass sich ein wenig Asche aus dem flachen Becher auf den Tisch verteilte. Peinlich berührt schob er sie in den nun unter die Tischkante gehaltenen Aschenbecher. Seine schmutzigen Finger bemerkend sah er sich betroffen um, versteckte die Hände unter dem Tisch und säuberte sie mit einem Taschentuch.

Leopold Gracher stand derweil mit einer beachtlichen Unnahbarkeit auf, holte sich eine Zeitung vom Zeitungstisch und machte es sich wieder selbstbewusst auf seinem Stuhl bequem.

Hierauf lächelte nun Leon Balda überlegen. Der eben noch bewunderte Herr las die Kronenzeitung: „Eklat beim Wiener Opernball – Kim Kardashian verweigert Richard Lugner den Tanz“.

Selbstzufrieden nahm Leon Balda seine ZEIT aus der Tasche, breitete sie genüsslich vor sich aus und dachte: „Auf meine Art bin ich doch auch ein ganz beachtlicher Kerl...“

 

Michael Schroll, 2014