I’m flying back to London next week, mate… „Ein Engländer, ohne Zweifel, am Akzent wie an der Kleidung erkannt. Oxbridge, ganz gewiss, die Aussprache, das perfekt geschnittene Hemd, ein stilvoller, gebildeter Engländer, daran besteht kein Zweifel“, denkt Leon Balda auf der Parkbank sitzend und dem Passanten nachblickend.

Er schließt müde die Augen. England. London. London. In Gedanken sieht er seine Themse, seine Stelle. Er sitzt auf der Steinmauer bei den Cherry Gardens. Er sieht links die Tower Bridge, erhaben und imposant. Er blickt auf das Wasser und es ist Flut: der kleine Sandstrand unter ihm ist völlig überflutet, in kräftigen Wellen schlägt das Wasser gegen die Holzpfeiler, die Steine überschwemmend, den Sand verdeckend.

Wie oft war er da gesessen: stundenlang rauchend und die Themse betrachtend, traurig und glücklich, einsam und mit Freunden. Wieviel hatte er erlebt an dieser, seiner Stelle!

Die zwei kleinen Buben, ein schwarzer, ein weißer. Mit leuchtenden Augen den Fund präsentiert: ein Riesenzahn! Ein Stein wohl, aber doch einem Zahn ähnlich, faustgroß. Er solle die Polizei rufen, ein Mord! – kindlich-süße Gewissheit der eigenen Wichtigkeit.

Die 30-jährige Frau, die ihm beim abendlichen Auf- und Abgehen der ebbverdankten Strandstelle gefragt hatte, ob alles in Ordnung sei. Er, traurig, gedankenverloren, reflexionsbeschwert: „Sure, I’m grand!“, aber dankbar für die Nachfrage, dabei doch unfähig, seine Verzweiflung preiszugeben.

Die Nantes, das gewaltige Segelschiff, das eines Abends hell erleuchtet vor den Cherry Gardens vor Anker lagt, ein himmlisches Bild: nostalgische Sehnsucht erweckend, die Fantasie anregend, die Vergangenheit belebend. Drei Tage hatte er es gesehen, beobachtet, bewundert – bis es ohne ihn abgefahren war, eine Trennung ohne Abschied.

Der Höllenhubschrauber, der olympische Sicherheitswahnhubschrauber, der zwei Stunden eben dort seine Runden gedreht hatte, Leon Balda störte, seine Gedanken hemmte, seinen Frust steigerte. Verzweifelnde Wut ob des Lärms, des sinnlosen Lärms für die olympischen Sicherheitsfanatiker.

Der Anruf seines Arztes, der ihn ausgerechnet an dieser Stelle erwischte, dem er die Themse beschrieb und wo er dankbar war, dass er nachgefragt hatte, wissen wollte, wie es ihm ginge – ihm zeigte, dass er nicht vergessen war.

Célines Besuch, bis zwei Uhr nachts auf der Steinmauer sitzend, ihr seinen Platz zeigend, die Themse teilend – und ihr Geständnis, das er ihr ganz besonderer Freund sei, platonisch Arm in Arm, die folgende Liebe langsam erweckend, der unvermeidlichen tiefen Enttäuschung langsam den Weg bereitend.

Das Rezitieren Thomas Manns, die Raucherstelle für Nicole: „Du bist ein Schauspieler!“, langsam am Strande mit ihr auf- und abgehend, auch ihr die Themse gezeigt und seine Tabakleidenschaft geteilt. Ein wichtiger Besuch, gerade zu diesem Zeitpunkt – bis zum traurigen Abschied: „Bis zum nächsten Mal!“, das niemals kam.

Der Sturm im Frühjahr, peitschende Wellen, der Blick auf den Regen, der Blick in die Nacht. Der Regen, der literweise auf die Themse niedergeht, aber im gewaltigen Fluss unbemerkt bleibt: „Du spinnst!“, so Anna, aber er glücklich, dem Gewitter, dem Regen getrotzt: und die Tower Bridge durch die Schauer verschwommen wahrgenommen und von der Zukunft geträumt.

Der Schnee im Dezember, London in Weiß. Der Blick auf die Brücke am frühesten Morgen, Nebel und Schnee, alles im Schlafe, alles in Ruh: selbst die Themse, unbewegt, erhabene Ruhe und Wordsworth bedacht: der sublime Wordsworth-Moment: „And all that mighty heart is lying still“.

Alles, alles, alles an dieser Stelle erlebt – ein gesamtes Leben, sein Leben – sein vergangenes Leben. Verzweifelt öffnet er die Augen und weiß, dass London tausende von Meilen entfernt von ihm ist.

 

2014