Anmerkung:
Dieser Text wurde in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts geschrieben, als die Verwendung des Wortes Neger noch unverfänglich war, wie sie es z. B. in den romanischen Sprachen und im Niederländischen heute noch ist (vgl. Wikipedia). Auch Martin Luther King hatte in seiner berühmten Rede "I Have A Dream" die englische Entsprechung oft verwendet, s. Wikipedia.

Bin verrückt nach dir, das weißt du ja,
drum hab ich letzte Nacht
etwas, das ich sonst niemals tu,
zum ersten Mal gemacht:
Stieg über deinen Zaun um zwölf
in deinen Garten rein,
zog mich aus, ganz nackt, und tanzte dort
im hellen Mondenschein.
Ich sprang und hüpfte,
sang dabei ganz leise vor mich hin
ein Lied wie dieses,
wiegte mich dabei in meinen Knien.

Ein Polizist kam langsam näher,
sah mir staunend zu,
dann knöpfte er ganz leis und sacht
die Pistolentasche zu.
Sah sich lange um, ob kein Kollege
in der Nähe sei,
dann kam er zu mir , flüsterte:
„Mein Herr, ich bin so frei!“
Zog seine grüne Jacke aus,
die Mütze flog, die Hos`,
da tanzten wir zu zweit
und jetzt ging es richtig los!

Vom Baßgesang des Polizisten
angelockt und ohne Schuh,
erschien jetzt eure Nachbarin
im Nachthemd, sah uns zu.
Der Polizist, der sie erblickte, strahlte,
winkte sie heran,
da lachte sie ganz leis´ und bat uns:
“Weckt nicht meinen Mann!“
Dann fiel das Hemd – so schön und weiß
kam sie zu uns geschwebt,
schloss sich unserm Reigen an,
hab was Schöneres nie erlebt!

Inmitten einer Pirouette
hielt ich plötzlich an:
Da stand vor uns, mit großen Augen
Ein ganz schwarzer Mann!
Ein Neger! Zeigte seine Zähne,
konnt´ nicht glauben , was er sah,
doch dann verschwand er – nein –
er wurde plötzlich unsichtbar!
Nur seine Augen, seine Zähne
waren noch zu seh´n,
jetzt suchte er am Boden rum –
wollte er jetzt wohl schon geh´n?

Ohh nein! Er zog aus einem Futteral
ein goldenes Saxofon,
und blies zuerst darauf nur einen
zarten, leisen Ton.
Doch dann ging etwas in ihm plötzlich
wie die Sonne auf;
jetzt spielte er ganz rau und tief
einen fetzigen Lauf!
Wir bekamen eine Gänsehaut
und tropften doch von Schweiß,
der Neger blies jetzt laut und hoch,
uns Tänzern wurde heiß!

Der Polizist war in Extase,
tanzte einen Twist
(was nackt vor einer Dame
von besonderem Reize ist).
Sie selbst war außer Atem,
doch der Rhythmus riss uns mit
obwohl ich schon recht heftig
unter Seitenstechen litt.
Der Neger, tief verborgen
in der Schwärze dieser Nacht,
tobte auf dem Saxofon,
hat sich fast umgebracht!

Da ging ein Licht an, heller
als der Mond, der uns beschien.
Wir hielten inne, rockten nur noch
leicht in unseren Knien.
Wir sahen dich – mit einer Lampe
in der rechten Hand.
„Haut ab, ihr Irren!“ schriest du,
und da sind wir fortgerannt.
Der Mond schien nur auf eine Fläche
von zertanztem Gras
und einen nackten Polizisten,
der die Dienstvorschriften las.

Zuhause dann in meinem Bett,
wo ich noch etwas fror,
da nahm ich mir, bevor ich einschlief
noch ganz eisern vor:
Nie mehr zu tanzen, ganz besonders
nicht bei Nacht und nackt,
doch wenn mich dann, ganz unvermutet
doch die Sehnsucht packt,
geh´ ich mit dir in eine Disco,
tanze – (nicht zu wild,)
das passt auch besser zu mir selbst
und stützt dein Männerbild!

Friedel Liedhegener