Als sie erwachte, pochte ihr Kopf.  Mühsam rappelte sie sich auf. Ihre ersten Schritte waren noch etwas schwankend, aber dann ging es besser. Sie wusste nicht, wo sie war … geschweige denn, wer sie war.

Allein gelassen mit ihren wirren Gedanken blieb sie auf der Straße, die Richtung Stadtmitte führte. Je tiefer sie in das Zentrum kam, desto wärmer wurde es ihr ums Herz. Alles war so liebevoll geschmückt und hell erleuchtet. Irgendwie erinnerte sie das an etwas. Es war kalt, so kalt. Als sie hauchte, sah sie ihren Atem.

Um sie herum wurde es immer lebhafter. Menschen kamen ihr entgegen, liefen hektisch an ihr vorbei. Nur wenige von ihnen nahmen irgendetwas wahr. Und die wenigen unter ihnen, die sie direkt anschauten, waren alle seltsam er-staunt. Sie hielten die Hand vor den Mund, rissen die Augen auf und starrten ihr lange nach. Andere wollten unbedingt ein Foto von ihr machen. Irritiert lief sie einfach weiter.

Als sie die Polizeistation sah, ging sie zielstrebig durch die große Eingangstüre und direkt auf den erstbesten Wachhabenden los. Der war sichtlich erbost. „Was machst du denn noch hier?“ Bevor sie darauf antworten konnte, blaffte er sie an: „Mach dich endlich an die Arbeit!“

Zurück auf der Straße, schwirrten tausend Gedanken durch ihren Kopf. War sie Polizistin? Hatte sie ihre Schicht verpasst? Sie konnte sich auf all das keinen Reim machen. Vielleicht kam die Erinnerung wieder, wenn sie sich etwas entspannte. Da kam ihr die Kneipe mit dem blinkenden Engelchen sehr gelegen.

Nachdem sie zwei Wodka intus hatte, nahm sie ein leises Schluchzen neben sich wahr. Ihr Sitznachbar saß zusammengekauert auf seinem Barhocker und wirkte wie ein Häufchen Elend. „Was hast du denn?“ Die Frage konnte sie sich einfach nicht verkneifen. „Ich bin so alleine … gerade heute.“ Das kam ihr angesichts ihrer Lage irgendwie lächerlich vor, was sie ihm schließlich deutlich zu verstehen gab. Mit einer Mischung aus Entsetzen und Erstaunen sah er sie an. „Heute ist doch Heilig Abend!“

Kopfschüttelnd zahlte sie ihren Drink und machte Anstalten zu gehen. Doch der verzweifelte Blick des Mannes ließ sie innehalten. „Gerade du müsstest doch wissen, wovon ich spreche!“

Völlig perplex brachte sie schließlich ein dünnes „Warum?“ über ihre Lippen.

Jetzt schien der Mann sprachlos zu sein. „Na, du bist doch das Christkind!“