Abgehetzt und mit fahlen Gesichtern rennen die Menschen durch die glitzernde Stadt. Anspannung liegt in der Luft. Hupende Autos zollen von Ungeduld und Ärger. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Schon morgen ist es soweit.

Henry gehört zu denen, die noch kein Geschenk haben. Weder für seine Frau, noch für die beiden Kinder. Verzweifelt lugt er durch die Schaufenster, ob da nicht endlich die Erlösung auf ihn wartet. Schweißtropfen bilden sich auf seiner Stirn. Eigentlich kann er nicht mehr, aber er macht trotzdem weiter.

Franziska sitzt im Büro und schiebt Überstunden. Sie wollte schon längst zu Hause sein und das Essen für morgen vorbereiten. Wie jedes Jahr kommen ihre Schwiegereltern zu Besuch. Sie nimmt eine Tablette, um wach zu bleiben. Eine lange Nacht steht ihr bevor. Alles muss perfekt sein, sowohl im Job, als auch zu Hause.

Hans-Albert chattet schon seit mehreren Stunden, um irgendwen zu finden, mit dem er das Fest der Liebe feiern kann. Bislang hat er noch niemanden gefunden.

Monika zerbricht sich seit Wochen den Kopf, woher sie das Geld für die Weihnachtsgeschenke nehmen soll. Sie liebt ihre siebenjährigen Zwillinge über alles. Aber es reicht hinten und vorne nicht. Am Tag vor Heiligabend entschließt sie sich zu einem drastischen Schritt. Als sie mit schlechtem Gewissen den Laden verlässt, wird sie erwischt. Offiziell ist sie jetzt eine Ladendiebin und eine Rabenmutter ohne Geschenke.

Hans-Peter brettert mit 250 Sachen über die Autobahn. Rücksichtnahme und Toleranz sind jetzt nur noch leere Hülsen. Dafür hat er keine Nerven mehr. Schließlich muss er zu Hause sein, wenn die knusprige Weihnachtsgans auf den Tisch kommt.

Bernadette sitzt in ihrem Sessel und wartet auf ihre Tochter. Sie wollte schon vor Stunden hier sein, um sie abzuholen. Das Telefon klingelt. Ihre Tochter sagt ab. Alle sind krank. Aber laut Tochter ist das nicht so schlimm. Bernadette kann ja mit all den anderen im Altenheim feiern.

Der Heilige Abend ist schließlich da ...

Henry liegt auf der Intensivstation, nachdem er mitten auf der Straße einen Herzinfarkt erlitten hatte. Franziska macht wie jedes Jahr gute Miene zum bösen Spiel, braucht aber mehr Tabletten als früher. Hans-Albert wechselt die Religion und schließt sich einer fanatischen Gruppe an. Monika tröstet ihre weinenden Kinder, so gut es geht. Nachdem das nicht gelingt, schlägt sie zum ersten Mal zu und kann nicht mehr aufhören. Auf der A 9 kommt es zu einem schweren Unfall. Hans-Peter und viele andere bekommen jetzt Infusionen statt Braten. Bernadette hat mit ihren 86 Jahren genug von der Farce. Ruhig und mit Bedacht erträgt sie noch die Scheinheiligkeit der Feiertage. Danach will sie von ihrer Sippe nichts mehr wissen.

Das neue Jahr nimmt seinen Lauf. Doch ehe sich alle versehen, steht das Fest der Liebe wieder vor der Türe. Wie ein Sog zieht Weihnachten alle in ihren Bann. Alle – außer Bernadette. Die alte Dame hat mittlerweile eine Partei gegründet, die hartnäckig daran arbeitet, Weihnachten abzuschaffen. Der Zulauf ist gigantisch. Als sie einen Tag vor dem 24.12. mit voller Inbrunst und Leidenschaft eine öffentliche Rede hält, fällt sie plötzlich um und ist tot.

Danach geht alles weiter wie gehabt. Die Revolte schläft ein. Weihnachten bleibt eine gute, alte Tradition mit tiefen inneren Werten und ganz viel Besinnlichkeit.  

Hans-Albert steigt unterdessen zum Top-Terroristen auf. Im Dezember gibt es immer wenig für ihn zu tun. Es ist ja schließlich Weihnachten – den Rest erledigen die meisten von ganz alleine.

 

Christine Kunisch, Dezember 2015