Mondscheinlesung: Wer hat sich das nur ausgedacht? Heute Abend ist vom Mond noch nicht so viel zu sehen. Es ist erst Halbmond. Der ging auf, als die Schulkinder mit den Hausaufgaben fertig waren und die Mama anbettelten, bitte, bitte, dürfen wir ins Schwimmbad gehen!? Und jetzt, am mittleren Abend, wo dieses Event mit dem Namen Mondscheinlesung beginnt, ist es noch nahezu mittelhell, und der Schein kommt allenfalls von Schwester Abendsonne.

Hm.

Das ändert aber nichts daran: Heute ist Mondscheinlesung. Das Publikum braucht da doch einen Mond, oder? Wenigstes als Scheibe, wenn schon nicht als Schein. Oder als Wegweiser. Wie auf jener Mondkalenderseite für Frauen im Internet. Für heute, Freitag, den 20. Juli,findet sich dort der Eintrag: „Der Übergang von der fröhlichen Waage in den Skorpion dämpft heute die Stimmung ...“. Wir wollten aber die Stimmung doch heben! – Na gut, auf derselben Seite erfuhr ich immerhin, der Mond stünde heute durchaus günstig für Faltenbehandlungen; außerdem sprächen bestimmte Beschwerdebilder gut auf Medikamente an. Hm. Allerdings hätte ich mir laut Mondkalender heute die Haare nicht waschen sollen – wo ich doch vor Publikum stehe!

Nein, das half wohl nicht weiter.

Mond – schein – lesung ... Das Vernünftigste wird wohl sein, mich erst einmal mit der Begrifflichkeit zu befassen. Also, „Lesung“ ist klar – wir lesen. Noch dazu aus selbstgemachten Texten. Dann: „Mond“. Kennen wir. Kommt manchmal, manchmal nicht, ansonsten früher oder später. Viertelmond, Halbmond, Vollmond, Neumond – nur kein Altmond. Schließlich: „Mondschein“ – jetzt wird’s aber doch interessant! Da fällt mir nämlich gleich der stille See ein, wo‘s schimmert und glitzert und funkelt ... Nebelschleier, sacht gelüftet vom fahlen Strahl des Mondlichts ... Kobolde huschen am Ufer, hüpfend ziehen summende Elfen vorüber – und geheimnisvoll murmelt der Bach, während aus der Ferne eine Ahnung sphärischer Klänge herannaht ...

Das sind also so meine Fantasien.

Was passiert eigentlich, wenn man sich das Fantasma mal anschaut, also in der Wirklichkeit? Mein Mann macht bei derlei gerne mit, er liebt es ungewöhnliche Dinge zu tun, und einer alteingesessenen Ehe tut ein wenig Romantikabenteuer ja auch ganz gut. Wir nahmen uns also den Vollmond im Mai vor und hatten Glück mit den Uhrzeiten, der Bewölkung und der Wahl der Beobachtungspunkte. Nun ja – was Letzteres betrifft, so sehe ich mal ab von der Sackenbacher Wiese. In gleißend heller Beleuchtung lag sie frisch gemäht vor uns und gab so ungefähr sämtliche Insekten frei, deren Verlust Naturschützer zurzeit so mahnend beklagen. Folglich mochte sich der irdische Drang, dem Juckreiz den Garaus zu machen, mit der himmlischen Verheißung dort oben nicht so recht zusammenfügen. Irgendwie ernüchtert zogen wir wieder heimwärts. Der Mond kümmerte sich nicht um uns, ungerührt stand er dort oben, als ob er nie etwas anderes täte.

Am folgenden Abend zog es uns auf eine Anhöhe zwischen Lohrhaupten und der Bayeri- schen Schanz, die den Langläufern unter uns als Sonnenloipe bekannt ist. Für uns ward sie zur Mondweite: Wie Hänsel und Gretel stapften wir durch eine weite Wüste der Nacht. Der Blick ins bewohnte Tal hatte demgegenüber etwas Vergewisserndes, das Brummen des einen oder anderen Verstoßes gegen das Nachtflugverbot etwas recht Irdisches. Als sich endlich im Osten der Mond über den Wald erhob, dann ganz allmählich aus der Wolken- decke löste und schließlich befreit am Firmament stand, wirkte er fern, selbst der Abend- stern glänzte wie ehrfurchtsvoll entrückt. Wir setzten uns in eine – ungemähte – Wiese, lauschten zunehmend gebannt ins still erleuchtete Himmelszelt und vergaßen die Zeit. Das Wuchtige der schwarzen Nadelbaum-Schatten neben uns machte den Blick in diese Unend- lichkeit nur umso freier. Zu früher Morgenstunde kroch uns schließlich die Kühle in die Glieder. Etwas wehmütig wünschten wir dem Mond eine gute Nacht und machten uns auf den Nachhauseweg.

Eine dritte Maimondnacht erlebten wir dann wieder in heimatlichen Gefilden. Als fast alle schon schliefen, packten wir eine Flasche Wein ein und schwangen uns auf die Räder. In der Wöhrde setzten wir uns auf eine Bank. Dort stand schon der volle Mond, umspielt von Wolkenbändern, ein wenig verschleiert in einer inspirierenden Vielfalt von Pastelltönen, groß und warm. Je höher er stieg, desto flutender wurde sein Licht.

Das vertraute Rattern nächtlicher Güterzüge im Rücken, breitete sich vor uns die Ebene aus; entlang der Straße dahinter rauschte hin und wieder ein Auto vorbei, und in der Ferne zeigten sich vereinzelt noch freundlich erleuchtete Fenster. Uns umfing ein Bild voll- kommener Friedlichkeit. Und mit einem Mal begriff ich, was gemeint sein könnte mit der Idee vom Mond als Erneuerer – wie der aus jeder einzelnen Nacht eine neue Chance macht, die Chance auf eine andere Welt. Während er uns in sein unwirkliches Licht taucht, erinnert er uns daran, dass es neben dem Realen noch eine andere Welt gibt, eine, die in jedem einzelnen von uns schlummert. Sie ist es, die aus dem Morgen einen anderen Tag machen kann – und wo dies gelingt, entstehen auch neue Geschichten und neue Gedichte. Heute können wir sie sogar hören. Wir hören, wie schon die bloße Imagination einer Mondscheinlesung zahlreich kleine Welten hervorbrachte. Und sei es auf einer Bank in der Wöhrde. –