Pass ja gut auf, dass mir keiner hinunterfällt", verlange ich von dem Gekreuzigten und stellte ihn an den Türrahmen, durch den man in ein Giebeldreieck sehen kann, das einmal mein Schlafzimmer werden soll. Ein Teil der Decke ist durchgebrochen. Eine Leiter hilft mir später, durch die Luke in mein Bett zu kommen.
Mit Adelheid und ihrem Mann Albert habe ich auf der Fränkischen Platte einen kleinen Bauernhof gekauft. Zwei Wohnhäuser und eine Scheune haben sich, auf 270 qm, zu einem Hufeisen aufgestellt. Das Anwesen ist 1830 erbaut worden und ziemlich heruntergekommen.
Nach dem Drama meiner ersten Ehe und der Trennung von Eltern und Geschwistern, will ich mit den beiden einen Neuanfang wagen.
Es muss Holz gemacht werden. Das heißt, raus in den Wald, Bäume fällen, auf Meter-Stücke sägen, nach Hause schaffen, spalten. Dann das Ganze auf die Kreissäge. Mindestens 10 Ster werden gebraucht, um beruhigt über den Winter zu kommen. Dazu der ganze Holzabfall aus Brettern, Latten, einen abgebrochenen Besenstiel vielleicht, ein kaputter Rechen und das Friedhofskreuz.
Eine Faust krallt meinen Magen und taucht mich in Sünde und Schuld. Das erzkatholische Elternhaus taucht auf. 5 Jahre Messdiener. Wie unter einer Glocke muss man sich das vorstellen, die jeden Menschen darunter hat schmoren lassen. Ihr Läuten, alles Stärkende, Erhebende, alle Sehnsucht nach Liebe und Glück umkehrt in Angst vor Tod und Teufel.
Ein Knopfdruck. Die Säge schreit ihren Hunger heraus.
Der Gekreuzigte schiebt sich wie an einem Strick gezogen an das kreischende, Zähne bleckende Ungeheuer hin. Blut spritzt, die Augen brechen, der Himmel tut sich auf, Regen, Sturm und Blitze fahren auf mich nieder. Mit einem Krachen wirft der Allmächtige seine Fäuste hinterher. Perlen treten auf meine Stirn und werden zu kalten Bächen. Mir stockt der Atem. Nur nicht hoch schauen.
Stur und unnachgiebig bringe ich meinen Auftrag zu Ende.
Der Hals ist durch, der Kopf ist ab. Der Erlöser ist gerichtet.
Das Wehklagen der Säge verstummt. Stille. Der Holzstoß muss mich halten.
Ruhig fahren die Wolken dahin.
Den Körper, die Beine zu zerstückeln geht mir leichter von der Hand.
Vor ein paar Jahren noch, fragte ich ihn nach Tun und Denken. Hoffte auf Hilfe und Beistand. Und jetzt liegt er in Stücken vor mir.
Er muss zum ersten Mal meinen Körper, mein Gefühl, meinen Geist wärmen.
Ganz praktisch, tatsächlich, als Feuer die Schuld meiner Erbsünde verbrennen bis in alle Ewigkeit. Amen.

Reinhold Franz-Reisert,  06.11.2013