Eine Liebesgeschichte

Ihre Hand überdeckt die Seine, fast schwebend, beschützend, Wärme spendend. Mit einer leisen, vorsichtigen Zärtlichkeit, einer tiefen innigen Vertrautheit.
Einzelne Finger bewegen sich, wohl wissend, diese Ruhe zu verlassen. Streicheln, um das Berühren zu vertiefen, vielleicht eine Antwort zu wecken, zu erinnern an das Gefühl, eins zu sein. Für immer aufgehoben in dem Anderen, um ihn und sich im eigenen Herzen zu bewahren.
Seine Hand antwortet mit kühler Hingabe, wie aufgebahrt auf dem Laken, mit demütiger, unendlicher Geduld. Er schenkt ihr die Freiheit, in ihre Träume, Sehnsüchte, einzutauchen, sie sich auszumalen.
Heftig fordert er jeden Atemzug, stemmt sich mit Husten und Röcheln gegen die Überflutung der Lunge, das Ertrinken. Hält vier Wochen durch in seiner Welt, wo es keinen Vorwurf, keine Widerrede, keine Rechtfertigung gibt. Um ihr genügend Zeit zu lassen, Abschied zu nehmen, ihm zu vergeben, ihn zu lieben.
- Gibt nur das Sterben und Schweigen den Raum frei, sich ohne
Gefahr anzunähern?
- War das Bild von Liebe und Glück, zu eng im Rahmen, im
Bann der
eigenen Vorstellung gefasst?
- Entfacht, zum Ende hin, erst die Angst vor dem Alleinsein,
dem Tod
nach einem Zuviel im Miteinander, wieder das Feuer des
großen Gefühls?
Sie muss sich strecken und aufrichten, seine Hand
verlassen, sich neu finden, mit einem Leuchten im Gesicht
schaut sie zu ihm. Es ist ein Aufblühen dem Licht entgegen,
doch mit dem Wissen der kommenden Nacht, des wieder
in sich Versinkens, Verharrens, sich Sammelns.
Der Trauer.

Reinhold Franz- Reisert
20.12.2013