Milchkaffee, Morgenzigarre und frühe Sommersonne. Dazu die frischen Produkte der Medienarbeiter. Ich hoffe halt ungebrochen, dass irgendwann mal etwas Entscheidendes passiert. Aus dem benachbarten Grasgarten die heiseren Missvokale weidender Schafe. Gelangweilt lege ich das erste Klavierkonzert von Grieg auf und bin bereit für ordentliche Arbeit. Ein letzter Blick auf den Frieden meiner wolligen Mitgeschöpfe. Da durchfährt es mich wie ein Stromstoß: Stumm blicken die Tiere mit gehobenen Köpfen nach oben, und jetzt sehe ich auch das Drama, das sich zwischen den Baumkronen abspielt.

Adrenalin steigt mir ins Blut wie seinerzeit den alten Römern im Kolosseum. Ein stahlblauer Sittich, gejagt von einer Elster, flattert hektisch zwischen den Bäumen um sein Leben. Immer enger werden die Spiralen und der plumpe Exot ermattet zusehends. 

Schließlich drückt ihn die Elster unter hässlichem Ratschen zu Boden und hackt ihm mit blutigem Schnabel das Leben aus. Dann schwingt sie sich träge auf den nächsten Ast und säubert ihr Gefieder. Die Schafe lösen sich aus ihrer Erstarrung und zockeln gemächlich heran. Stumpf beglotzen sie den Kadaver, trotten zurück an ihre Stammplätze und mästen sich weiter für den Metzger. Friedhofsruhe weit und breit.

Die Krähe aus dem nahen Wäldchen scheint etwas mitbekommen zu haben. Mit aufgeschrecktem Krächzen nähert sie sich zu einer Inspektion. Alarmiert plumpst die Elster von ihrem Ruheplatz, eilt zu ihrer Beute und schleppt sie auf eine hohe Astgabel. Hastig beginnt sie mit dem Kröpfen. Die Krähe kommt näher und geht aus ihrem Torkelflug zum Angriff über. Die Elster erkennt die Lage, rettet sich auf einen sicheren Baum und stößt heftige Protestschreie aus. Unbeirrt packt die Krähe das rotverschmierte Federbündel und nimmt Heimatkurs auf. Ihre Siegesrufe verschwinden in der Ferne.

Die Machtverhältnisse sind klargestellt, und meine Laune ist schlagartig im Keller. Der eingesperrte Fremdling, der ein offenes Fenster für das Tor zur Freiheit gehalten hatte, und sein gewaltsames Ende. Freiheit, Kampf und Tod sind schwere Kost am frühen Morgen.

Ich reiße mich aus meinem Trübsinn und suche den Ersten Ungarischen Tanz von Brahms heraus. Der stärkt mich immer zuverlässig. Danach beschließe ich, dem Beispiel der Schafe zu folgen und erst einmal etwas zu essen. Nach einigen faden Bissen stärke ich mich mit Rotwein, bis ich halbwegs wieder auf Vordermann bin. Ich verspüre keine Neigung, diesen Mord philosophisch zu vertiefen. Die Lektion war eindeutig: Nur nicht auffallen, sonst kommen die Elstern!

Vom Rotwein befeuert versuche ich mich an einem Liebesgedicht. Es kann nicht schaden, wenn ab und zu einer gegensteuert in dieser Welt.