Zwei Dinge machten Paloma Bay zu einem ungewöhnlichen amerikanischen Küstenstädtchen. Vor der Bucht schwammen Delfine, die jedes Jahr zahlreiche Touristen anzogen und unweit vom Strand versteckte sich hinter einer hohen Mauer ein geheimnisumwittertes, efeuumranktes Backsteingebäude. Die Leute rätselten, ob dieses Internat kleine Nerds beherbergte, die schwer an ihrer Hochbegabung trugen oder ob dort nur der versnobte Nachwuchs der privilegiertesten Schicht erzogen wurde. Am sonderbarsten verhielt sich die zehnjährige Amy. Selbst mit ihresgleichen redete sie nicht viel. Viel lieber streichelte sie Kätzchen oder tollte mit den Hunden herum. An einem Julinachmittag verschwand Amy. Von da an nahmen die seltsamen Ereignisse ihren Lauf.

Am späten Abend des gleichen Tages musste die neunzigjährige Tracy mit ihrem Königspudel noch einmal Gassi gehen. Als dieser sein Beinchen an einem Kleidercontainer hob, sah die Alte im Laternenschein einen nackten Mann fliehen. Sie erschrak so sehr, dass sie mit ihrem Seniorenhandy sofort die Nummer 911 anrief.
„Hier am Strand treibt sich ein Exhibitionist herum“, sagte sie.
„Wie sah der Mann denn aus?“ fragte Sergeant Brown.
„Er war muskulös und hatte eine dunkle Hautfarbe. Mehr weiß ich nicht.“
„Wahrscheinlich ein Hispanier“, mutmaßte der Polizist. „Seit die Mauer steht, kommen die über das Meer. Die finden doch immer einen Weg.“

Auf der Suche nach dem vermeintlichen Sittenstrolch und auch weil er hoffte, das vermisste Mädchen wieder zu finden, fuhr Sergeant Brown das ganze Städtchen ab. In einer Bucht erblickte er im Licht der Morgendämmerung kaffeebraune Fremde. Die Männer trugen nur Hosen, die jungen Frauen Großmutterkleider oder gewagte Kombinationen. Eine hatte sogar zu einem pinkfarbenen Glitzertop einen braun karierten Rock angezogen. Nicht einmal Geschmack haben diese Barbaren, dachte Brown. Die Fremden fingen Fische mit den Händen und verzehrten ihren Fang roh am Strand. Sie schienen in der Bucht zu kampieren.

„Fische fangen ohne Erlaubnis ist verboten. Zeigen Sie mir ihre Papiere!“ rief Brown ihnen zu.
Die Fremden schauten ihn an, als wüssten sie nicht was er meinte.
„Ihre Ausweise bitte.“
Die Angesprochenen schwiegen. Eine Frau ging zu einem schlafenden Kind. Es war Amy. Die rieb sich verwundert die Augen.
„Was wollen Sie von meinen Freunden?“ fragte das Mädchen den Polizisten.
„Solche Freunde hast du? Nicht nur, dass sie ohne Erlaubnis angeln. Die haben auch fast alle Altkleidercontainer aufgebrochen und sämtliche Kleider entwendet.“
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Na die Kleidung, die sie anhaben, passt ihnen nicht sonderlich.“
„Die Kleider aus dem Container sind doch für die Armen und meine Freunde hatten nichts anzuziehen.“
„Das ist Diebstahl.“
„Was, diese ollen Klamotten? Die haben die Leute doch weggeworfen.“
„Damit gehören sie dem, der die Container aufgestellt hat. Der verkauft sie.“
Dem Mädchen blieb kaum Zeit sich zu wundern, denn der Sergeant rief mit seinem Mobiltelefon Verstärkung herbei. Amy legte ihre Zeigefinger zu einem X aneinander. Ihre Freunde verstanden, flüchteten sich ins Meer und schwammen davon. Polizeiboote lauerten ihnen auf und kesselten sie ein. Obwohl die Flüchtigen sich mit Händen und Füßen wehrten, gelang es den Polizisten, sie in die Boote zu ziehen. Während Brown die zappelnde und schreiende Amy zur Schuldirektorin brachte, landeten die Fremden in der Arrestzelle.

Als es Mittag wurde, stellte Brown ihnen Teller mit Erbsensuppe hin. Statt dankbar zu sein, zeigten sie ihm ihre Verärgerung.
„Dann stimmt es also, was man sich über euch erzählt. Erst wenn ihr uns gefangen habt, füttert ihr uns. Ist aber das falsche Futter“, grollte die Älteste von ihnen.
„Was soll das heißen?“ fragte der Sergeant.
„Welche Kunststücke sollen wir denn vollführen, damit wir endlich unseren Fisch kriegen?“
Brown wollte sie gerade anbrüllen, mit ihrer Dreistigkeit habe sie kein Recht, Sonderwünsche erfüllt zu bekommen, da sah er Amy mit der Schuldirektorin um die Ecke kommen.
„Das sind Delfine“, sagte das Mädchen.
Brown weitete die Nasenflügel.
„Willst du mich schon wieder verarschen! Das sind Anarchisten, die sich um kein Gesetz scheren und außerdem nicht hierher gehören“, schnaubte er.
Amy schüttelte den Kopf.
„Die Bucht ist seit langem ihr Zuhause. Ich kann zaubern. Ich habe die Delfine in Menschen verwandelt.“
„Das könnte stimmen“, versicherte die Schulleiterin. „Unser Internat ist eine Zauberschule. Amy ist unsere begabteste Schülerin. Allerdings mag sie Tiere viel lieber als Menschen. Ganz besonders faszinieren sie Delfine. Sie wollte sich mit ihnen unterhalten können. Sie wusste nicht, was sie damit auslöst.“
„Das ist doch ein ausgemachter Schwindel, den ihr mir da auftischt!“ brüllte Brown.
Um zu beweisen, dass sie nicht logen, verzauberte Amy Browns rechten Arm in eine Flosse.
„Ich mache den Zauber wieder rückgängig, wenn sie die Delfine zum Meer bringen“, versprach sie.
Brown kapitulierte. Am Meer murmelte Amy weitere Zaubersprüche. Browns Flosse verwandelte sich wieder in seinen Arm und die Gefangenen in Delfine. Sie schwammen so schnell weg, wie sie konnten. Dabei schlüpften sie aus der Kleidung.
„Wollen Sie die Kleider nicht aus dem Meer fischen?“ fragte Amy den Polizisten.
„Nein, die sind schmutzig und damit wertlos geworden.“ Er seufzte. „Und bestrafen kann ich auch niemanden. Sind ja nur Tiere.“
„So ist es. Tiere bezahlen nicht für das, was sie brauchen. Sie nehmen es sich einfach. Alles ist für sie Allmende“, erwiderte die Schuldirektorin.

Von diesem Tag an mieden die Delfine die Bucht. Auch die Zauberer suchten sich einen anderen geheimen Ort, an dem sie unbehelligt zaubern konnten. Paloma Bay war nun zu einem langweiligen amerikanischen Küstenstädtchen geworden.

Maria Herbert