An seiner Seite saß die Wölfin.
Zuerst hatte Bertl seinen Augen nicht getraut. Fing jetzt auch bei ihm die Demenz an?

Der alte Maronimann hatte eigentlich in diesem Jahr aufhören wollen mit der Kastanienbraterei. Er hatte einfach keine Lust mehr, die Rente würde auch so reichen für das Nötigste. All die Jahre hatte er die Gespräche mit den Menschen auf den Märkten genossen, sich mit Hilda nachher über die lustigen und traurigen, die nachdenklichen und neugierigen Käufer seiner gerösteten Spezialität ausgetauscht. Doch seit ihrem Tod im letzten Jahr war ihm die Freude an den Menschen abhandengekommen. Außerdem wollten auch die alten Knochen nicht mehr so recht mitspielen.

Der junge Wirt der Waldwirtschaft hatte ihn bekniet, regelrecht weichgekocht, doch wenigstens nur noch in diesem Jahr auf dem Adventsmarkt im Wald seine Maroni zu braten. Er sei doch „die“ Attraktion, besonders für die Jugend.

Attraktion, dass ich nicht lache. Ein Relikt aus vergangenen Tagen wohl eher. Die jungen Leute haben doch nur noch Augen und Finger für ihre Handys. Was kümmert die denn so ein alter Maronimann?
Bertl hatte die Anfrage abgewehrt, die müden Knochen in die Waagschale geworfen, erklärt, dass er ohne Hildas feinfühligen Draht zu den jungen Leuten schlichtweg hilflos sei, dass er einfach müde sei.

Am Ende hatte er sich doch erweichen lassen und dem Wirt die Zusage für seinen Maronistand gegeben. Dieses eine Mal noch, na ja, es wartete ja niemand auf ihn zu Hause.

Nun also stand er mit kalten Beinen und heißen Fingern hinter seinem Maroniofen und neben ihm saß – die Wölfin.

Der Rundweg durch den Wald ins „Geistreich“ fing gleich hinter Bertls Stand an. Der illuminierte Teil des Adventsmarktes zog am Abend ein großes Publikum an. Dort warteten auf die Besucher die Geister des Lichts, wollige Wurzelgnome, freundliche Flaschengeister und wilde Gesellen, die auf dem Friedhof der Plagegeister ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Menschentrauben schoben sich den Weg entlang und genossen die schaurig-schöne Atmosphäre des nächtlichen Schauspiels.

Die gelben Augen der Wölfin blickten ihn unverwandt an. Was wollte sie nur?

„Bitte fünf Maroni.“ Bertl schreckte auf.
Ein Teenager in Parka und gestrickter Wollmütze stand vor ihm und reichte ihm die Münzen über den Ofen herüber.
„Ist der Wolf echt?“
„Soweit ich sehe, schon“, meinte der alte Maroniverkäufer.

Seltsamerweise hatte Bertl keine Zweifel. Er wunderte sich nur, dass der Junge die Wölfin auch sah. Vielleicht war sie doch kein Hirngespinst? Und was noch seltsamer war, Bertl hatte keine Angst. Auch der Junge offenbar nicht. Ein Wolf sollte doch wohl Angst auslösen bei wehrlosen Menschen?
Diese Wölfin – die weibliche Ausstrahlung des Tieres hatte ihn sofort gefangen genommen, mütterlich fast – saß da einfach so neben ihm und schaute ihn an. Was wollte sie?

„Krass“, staunte der Junge im Parka und zog mit seiner Tüte voll duftender Maroni ab.

Bertl vermied es, die Wölfin anzusehen. Doch er konnte ihre Nähe, die Intensität ihrer Anwesenheit deutlich spüren. Es war, als würden unzählige geladene Teilchen von ihrem grauen Pelz aus unmerklich auf ihn überspringen und langsam unter seine Haut kriechen. Die Wolfsaugen schienen ihn mit ihrer Glut zu wärmen.
„Zwei mal zehn Stück!“, forderte ein Kunde.
Der ältere Mann im feinen Loden tauscht wortlos seine Geldstücke gegen die prallen Maronitüten aus. Das freundliche „Bitteschön“ des Maronimannes hörte er schon nicht mehr, denn der ehrenwerte Herr hatte sich schon längst wichtigeren Dingen zugewandt.

Langsam drehte Bertl sich um und sein Blick traf die wissenden Augen der Wölfin.
„Herr Wichtig!“, raunte Bertl ihr verschwörerisch zu und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Zwinkerte die Wölfin ihm etwa zu?

„Mann, das ist mal ein geiler Hund, ej!“
Die jugendliche Stimme holte ihn zurück zur Kundschaft. Ein Pärchen stand händchenhaltend vor dem Ofen.
„Das ist ein Wolf, du Blödie! Siehst du das nicht?“, wies das Mädchen ihren Freund zurecht. Mit großen fragenden Augen sah sie den alten Mann hinter dem Ofen an, der ihr mit einem Nicken zustimmte.
„Cool“.
Der junge Mann nahm die heiße Maronitüte, die ihm Bertl mit einem Lächeln hinüberreichte, entgegen, ohne den Blick bewundernd von der Wölfin zu lassen. Als die beiden dann schließlich in Richtung „Geistreich“ weiterschlenderten, drehten sie sich vor den ersten Fichten noch einmal um und winkten.
Wirklich nette Kinder. Das Herz des alten Mannes schmolz regelrecht dahin. Vielleicht hatte er der jungen Generation ja doch Unrecht getan.

Nach Zustimmung suchend drehte Bertl sich um.
Die Wölfin?
Der Platz neben ihm war leer. Sie war weg!

Einen Atemzug lang verharrte Bertl, fühlte in sich hinein.
Seine Müdigkeit war ebenfalls verschwunden, er verspürte plötzlich eine unbändige Kraft und wohlige Wärme in den alten Knochen, wie schon lange nicht mehr. Über sein furchiges Gesicht breitete sich ein Strahlen aus, während er frische Kastanien auf die Ofenpfanne schüttete und Feuerholz nachlegte. Erwartungsvoll sah er den heranflanierenden Besuchern des Adventsmarktes entgegen.

Aus dem „Geistreich“ stieg ein rätselhaft-schauriges, langgezogenes Heulen auf in die Nacht.
Einige unter den Marktbesuchern wunderten sich nicht.
Sie und der alte Maronimann Bertl wussten, dass die Wölfin in ihr Reich zurückgekehrt war.

Noch viele Jahre stand Bertl mit Herzblut auf den weihnachtlichen Märkten hinter seinem Maroniofen, immer mit einem besonders guten Draht zu seinen jugendlichen Kunden.

Marga Eisenacher

Dez. 2016