Eine herbstlich-mysteriöse Trilogie

1. Frischluft

Endlich. Beinahe geschafft.

Diese immerwährende Plackerei. Die Erdmasse wird immer dichter, ich dagegen beileibe nicht jünger. Für unsereins ist eine harmlose Erquickung eben nicht auf geradem Weg zu erreichen. Na ja, sei´s drum.

So, noch einmal nach rechts schaufeln und einmal kräftig nach links und … eije aber auch! An diese gleißende, undurchschaubare Lichtwand werde ich mich nie gewöhnen! Doch die klare Luft tut wahrhaft gut. Tief durchatmen. Eins, zwei, hm … schön ist es hier oben.

Halt, was ist nun? Ein feines Zittern. Jetzt schwingt es und bebt und grollt. Von dort drüben kommt es her! Welches schreckliches Grauen verbirgt die Helligkeit? Ein heißer Teufelshauch weht da heran, grässlich … der Höllenschlund … von oben … er wird mich verschlingen!

„Iiiiih!“

2. Spürluft

Endlich. Viele Neuigkeiten heute!

Hier hat sich ein Jogger entlanggequält. Dort ist eine Katze unter den Strauch geflüchtet – vor mir? Und mitten auf dem Weg wächst hier noch ein sehr stattliches Grasbüschel, mit sehr interessanter Duftnote – eine Dame? Hmmm! Das sollte ich genauer untersuchen.

Wobei – immer das Ganze im Blick haben ist meine Devise. Immer wachsam sein, man weiß ja nie.

War da nicht eben eine klitzekleine Bewegung? Ein rollender Erdkrümel? Ein Scharren? Na klar, drüben am Wegrand.

Schnell hin, vielleicht gibt´s dort was Leckeres? Es duftet saftig, erdig, warm. Es kommt heraus – ein Sprung – und drauf!

Huch! Es quietscht!

„Iiiiih“.

3. Waldluft

Endlich. Wunderbar der goldene Oktober.

So einen herrlichen Tag muss man einfach ausnutzen. Unterm bunten Blätterdach in den Wald hinein – ein geradezu idyllischer Weg. Wunderschön. Diese Ruhe. Nur ein zartes Flötenkonzert aus den Bäumen begleitet uns. Das nenne ich Genuss pur!

Und er, mein Bester. Hier in der Natur kann auch er die Freiheit genießen.

Es gibt wohl viele Neuigkeiten heute, seine Nase lässt ja kein Hälmchen aus. Was hat er denn nun entdeckt? Wo tapst er denn da hin? Ach, sicher sucht er ein Hölzchen zum Spielen. Er wird doch jetzt nicht den Erdhaufen dort umgraben, der Schlingel! Erde fressen?

Dort schreit doch etwas! Was ist denn …?

„Iiiiih“.

Ach du großer Gott – Hierher! Sofort! Komm zurück, lass ihn! Aus!

Epilog

Zuweilen dehnt sich die Zeit, aus Sekunde wird Ewigkeit.
Für die Frau, den Hund und den Maulwurf steht die Welt einen Augenblick still.
Unentschieden ist, welchen Abzweig die Zukunft nehmen will. 

Der Samtrock sieht sein Leben verloren im Höllenschlund.
Der Karnivor schmeckt den Leckerbissen schon im Mund.
Die Frau sieht mordend ihren treuen Hund.

Der Schrei des Maulwurfs.
Der Würfel fällt.

Gänge graben.
Neuigkeiten spüren.
Oktoberluft genießen.

Weiter dreht sich ihre Welt.

Marga Eisenacher, Oktober 2016