Sonntag. Herrliche Spätsommersonne, eine Wanderung zum Biergarten auf der Bayrischen Schanz.

Der schattige Tisch an der Wand lockt, und mehr noch ein schaumbekröntes frischgezapftes Bier im gläsernen Henkelkrug. Der Hund findet schnell sein kühles Plätzchen unterm Tisch.

An der Theke drinnen im Wirtshaus drängen sich die Gäste, denn für den Biergarten gilt „Selbstbedienung“. Getränke trägt man gleich mit hinaus, Essensbestellungen werden unter Angabe des Namens aufgenommen. Bezahlt wird alles sofort und die Lautsprecheranlage verkündet später in den Garten hinaus, wessen Essen zur Abholung dampfend und duftend auf dem Tresen steht.

Das kann dauern, denke ich, doch bis mein Mann mit der ersehnten Erfrischung kommt, unterhält mich das quirlige Treiben der Sonntagsausflügler rundum. Die Biertischgarnituren versammeln allerhand Volk.

Wanderer mit Rucksack in staubigen Wanderstiefeln, Mountainbiker im Neondress, Frankfurter, Offenbacher und andere Stadtmenschen im pastellfarbenen Sonntagskostüm und legerem Anzug, die Pumps und Budapester tragen ihre Besitzer gerade noch so über den geschotterten Parkplatz herüber zum rustikalen Sitzplatz.

Draußen am Jägerzaun stehen in langer Reihe die Motorpferde der Biker, der Blick sucht freilich vergebens die Zügel, die sie am Zaun festhalten. Motorisierte Reiter sind auch an diesem Sonntag deutlich in der Überzahl, die Waldgaststätte ist ein Magnet für Harley- und andere Motorradclubs. Ob die Hells Angels-Abzeichen auf den Kutten am Tisch neben der Remise echt sind? Gerade surrt eine Ducati in den Hof, reiht sich ein und heult noch ein, zweimal gellend auf. Faszinierende Wirkung: Hälserecken, bewunderndes Nicken, Kopfschütteln und vereinzeltes Grinsen, ein kleiner Junge rennt zum Zaun und staunt mit begehrlichen Augen zum rotglänzenden Wunderpferdchen dahinter.

Zwei Bierkrüge in den Händen meines Mannes schweben endlich auf unseren Tisch. „Prost!“ stoßen wir auf den schönen Sonntag an.

Suchend schlendert währenddessen der Ducati-Cowboy zwischen den vollbesetzten Tischen herum, das Oberteil seines gepanzerten Lederkombis hängt wie eine zur Hälfte abgestreifte Schlangenhaut über seinen Hintern; auch das hautenge T-Shirt zeigt Wirkung. Die Hälse und Blicke der Mädels in der Ecke dort hinten sind kaum zu bändigen. Endlich entdeckt der junge Adonis seine Kumpels an unserem Nachbartisch und wird mit Hallo und Handschlag munter begrüßt.

Ein Geräuschteppich liegt über dem Biergarten wie die wogende Meeresoberfläche, jetzt gerade genießen wir das sanfte Geplätscher im Wellental.

Der Lautsprecher über der Eingangstür kratzt kurz und knistert, bereit zur Ansage:

„BERNA-DET-TE, bitte, BERNA-DET-TE“.

Einen winzigen Moment lang scheinen alle Töne zu verstummen.

Erstes Gelächter ist zu hören. Ansteckendes Kichern, explosionsartiges Herausprusten, geradezu schenkelklopfendes Lachen, eine plötzliche Heiterkeit verbreitet sich unter den Menschen im Biergarten und schafft ein seltsames Gefühl von Gemeinschaft.

Wer wird dem Ruf der netten Bedienung aus dem Lautsprecher mit dem extraschön betonten -TE am Ende, den fränkischen Einschlag erfolgreich unterdrückend, folgen?

Die Arme! Natürlich will jeder wissen, wie die Frau mit dem frankophilen Namen aussieht. Sie wird noch Mut sammeln, denke ich mitleidig und doch muss ich nochmal in das allgemeine Gelächter einfallen.

Endlich erhebt sich auf der gegenüber liegenden Seite des Gartens eine junge Frau aus einer Gruppe von Motorradfahrern.

Man mag ja nicht so starren, dennoch sehe ich die zusammengebundenen blonden Haare über ihre eingezogenen Schultern herunterhängen, sie schaut nicht nach links und nicht nach rechts, den gesamten Biergarten muss sie durchqueren. O je. Als sie im Gasthaus verschwunden ist, beruhigt sich die allgemeine Heiterkeit etwas.

Bis eine Männerstimme von unserem Nachbartisch her laut in die Menge ruft:

„TSCHA-QUE-LI-NE, bitte, TSCHA-QUE-LI-NE“.

Erneut brandet eine Woge von Heiterkeit und brüllendem Gelächter auf. Die gelöste Stimmung hält an und schon kommt auch die Frau namens Bernadette, einen üppig beladenen Teller in einer Hand balancierend, aus der Gaststätte heraus.

Zügig und mit festen Schritten geht sie bis zur Mitte, wo alle sie sehen können. Aufrecht steht sie da, ein Lachen im Gesicht, wenn auch von einem Hauch Röte überzogen, und winkt mit der freien Hand in die Menge. Dann deutet sie einen königlichen Händegruß im Stil der Queen an und neigt huldvoll den Kopf ein wenig.

Applaus von allen Rängen, zustimmende Rufe und fröhliches Lachen begleiten sie zu ihrem Platz. Ihre Freunde bejubeln und empfangen sie, hingerissen von ihrer Darbietung.

Donnerwetter, denke ich.

Hingerissen sind auch wir von diesem wundervollen Ausflug auf die Schanz und darauf stoßen wir an. Prost!

 

Marga Eisenacher, Februar 2016