Kriminalerzählung

 

Mit einem leichten Flattern im Bauch setzte sie den Blinker und bog zum Wanderparkplatz `Hinrichskoppe` mitten im Spessartwald ein. Ob er schon da war?

Sie parkte ihren in die Jahre gekommenen Peugeot ganz hinten mit einigem Abstand zu dem roten Kleintransporter mit der extravaganten Werbeaufschrift. So früh am Morgen parkte hier selten ein Auto, lieber ließ sie ein wenig Vorsicht walten. Wer weiß, wer das ist, sicher ist sicher.

 

Nie hätte sie gedacht, dass ihr das noch einmal passieren könnte. Sie hatte sich doch tatsächlich verliebt. Mathilde, Mathilde. Mit geübter Hand verstellte sie den Rückspiegel so, dass sie ihr Gesicht darin einem prüfenden Blick unterziehen konnte. Für achtundsechzig doch noch recht ansehnlich! Mit beiden Händen fuhr sie sich über die rundlichen Wangen und zog sie straffend nach hinten. Kritisch zog sie die Augenbrauen hoch.

Ja, die Natur war Gott sei Dank gnädig mit ihr umgegangen.

Die Falten um die Augen hielten sich in Grenzen und die paar Linien um den immer noch schön geschwungenen Mund konnten ganz gut als Lachfältchen durchgehen. Ein wenig Lippenstift zur Unterstützung musste ja erlaubt sein. Noch ein kurzer Handgriff in die frisch blondierte Kurzhaarfrisur zum Auflockern, und Mathilde war alles in allem mit sich zufrieden. Sie hoffte nur, dass er ihre barocken Formen genauso zu schätzen wusste, wie ihr Mann, Gott hab ihn selig, der sie damals immer liebevoll damit geneckt hatte. Vorsichtshalber hatte sie zu ihrer sportlich-bequemen Stretchjeans aber doch einen saloppen Pullover gewählt, der einiges an überflüssigen Pfunden und fehlender Körpergröße kaschieren konnte. Die legere Weste darüber tat ein Übriges.

„Komm, Napoleon, wir gehen Gassi.“

 

Mathilde öffnete die hintere Tür ihres Wagens und ihr Hund sprang heraus auf den aufgeweichten Schotterbelag des Parkplatzes. Sie nahm noch schnell die Lederleine aus dem Auto und wurde im Umdrehen gewahr, wie Napoleon den Kamm stellte und das dichte Geäst der kleinen Fichtenschonung jenseits der hölzernen Parkplatzbegrenzung fixierte. Er knurrte drohend und die Ohren standen auf Angriff.

„Napoleon, bleib!“

Mathilde leinte ihn vorsichtshalber an, sie wusste, etwas war da im Gebüsch und ihr Hund war kurz davor, dort hinein zu preschen. Ein mulmiges Grummeln schlich sich in ihre Magengegend, so nah an den Parkplatz wagten sich keine Rehe. „Was ist denn da?“ flüsterte sie Napoleon zu. Doch der war kaum zu bändigen, er zog an der Leine und fing an zu bellen. Bewegte sich dort etwas? Mathilde meinte, einen Schatten zu erkennen; war das gerade ein Zweig, der im Unterholz knackte? Sie sah sich um, kein Mensch weit und breit, und ER war auch noch nicht da.

 

„Komm, Napoleon, weiter gehts“, und mit einem kurzen, hastigen Leinenruck ging sie ein paar Schritte zum Waldweg hin.

Nur widerwillig folgte Napoleon mit noch immer gesträubtem Fell. Plötzlich machte er einen aufgeregten Satz zur Seite und riss ihr beinahe die Leine aus der Hand. Mathilde schreckte auf und musste im selben Moment über sich selbst lachen.

Fünf Meter vor ihnen schlug ein Hase einen Haken aus den Fichten heraus und war ebenso schnell auf der anderen Seite des Parkplatzes wieder zwischen den Bäumen verschwunden.

„Na, mit dem werden wir noch fertig, Napoleon, was meinst du?“ bückte sie sich und strich erleichtert über das rehbraune Fell ihrer Französischen Bulldogge. Nach einem kurzen Blick zurück über den Parkplatz, wo noch immer nur der rote Kleintransporter und ihr Peugeot standen, lenkte sie ihre beschwingten Schritte auf den Wanderweg Richtung Wald.

 

Einige Male hatten sie sich nun schon hier getroffen, zuerst mehr und dann eher weniger zufällig.

Bei der zweiten Begegnung hatte er sich als Melchior Lehnert vorgestellt und seit dem dritten Mal wusste Mathilde, dass der Mann, Ende sechzig, schätzte sie, regelmäßig zum Ruheforst gleich hinter dem Wanderparkplatz kam. In dem Areal für Waldbestattungen war Melchiors Frau vor zwei Jahren unter einer, wie er sich ausgedrückt hatte, stattlichen Buche begraben worden.

Ihr Bekannter parkte nur leider sein Auto bei der Waldschänke etwa einen Kilometer entfernt von hier. Praktisch war es dort ja für ihn, näher an seinem Wohnort auf der anderen Seite dieses Berges, und außerdem wollte er die Strecke bis zum Ruheforst nutzen, um seinen Hund Billy Gassi zu führen.

Mathilde reckte ein wenig den Hals und spähte auf dem Weg, der sich durch lockere Buschgruppen und hohe Fichten schlängelte, nach den beiden. Das glänzend weiße Fell des Golden Retriever würde ihr als erstes auffallen. Mathilde wanderte mit flotten Schritten. Gutes Schuhwerk war eben Gold wert. Sie hatte Napoleon fest im Auge. Er hatte eindeutig keinerlei Witterung von Billy in der Nase, mit Hingabe schnüffelte und markierte die Bulldogge an den Wegrändern und seine Fledermausohren drehten sich höchstens einmal in Richtung eines zwitschernden Vogels auf einem Baum.

„Freust du dich schon auf deinen Kumpel? Gleich könnt ihr miteinander toben.“

Zum Glück hatten sich die beiden Hunde im wahrsten Sinn des Wortes auf Anhieb gut riechen können. Mathilde schaute zweifelnd auf ihre Armbanduhr und dann hinunter zu ihrem Hund.

„Neun Uhr vorbei. Eigentlich müssten wir sie gleich sehen…“ Sie lauschte. Im Rauschen des Windes versuchte Mathilde vergeblich, so etwas wie entferntes Hundegebell aufzufangen. Sie zwang sich, ihre Schritte zu zügeln und die Erwartungen zu dämpfen.

„Schließlich bist du kein Teenager mehr, Mathilde“, schalt sie sich selbst und schlenderte mit betont entspanntem Gang und mit dem Hund an der lockeren Leine den restlichen Weg zur Waldschänke.

Mit einem Blick konnte sie feststellen, dass der kleine Gästeparkplatz fast leergefegt und die Läden an der Schänke zu dieser frühen Morgenstunde noch geschlossen waren. Fast, denn dort in der hinteren Ecke der Parkfläche parkte ein silberner BMW der 3-er Reihe.

„Sein Auto.“ Mathilde nickte nachdenklich. „Hätten wir uns nicht in die Arme laufen müssen?“

Dann schüttelte sie ärgerlich über sich selbst den Kopf. Jetzt führte sie schon wieder Selbstgespräche, furchtbar. Einige Minuten lang stand sie unschlüssig da.

Sah ja aus, als würde sie ihm nachlaufen. „Nee, nee, Mathilde, das hast du doch nicht nötig!“

Mathilde atmete tief ein und versuchte, ihre Enttäuschung mit einem langsamen Ausatmen loszuwerden, wie sie es im Vhs-Kurs für Autogenes Training gelernt hatte: „Die Atmung ist ruhig – und gleichmäßig“.

Auf dem Rückweg zu ihrem Auto stellte sie sich vor, dass dieser stattliche, nette, und trotz seines Alters sportlich in Jeans und Sneakers daherkommende Melchior an ihrer Seite spazierte und mit seinem rheinischen Zungenschlag fröhlich mit ihr plauderte über Gott und die Welt. Ein typischer Rheinländer eben.

„Aber warum ist er heute Morgen nicht da, was meinst du?“, fragte sie Napoleon, der sie von unten anhimmelte und natürlich keine Antwort wusste.

Keine zwanzig Meter vor dem Wanderparkplatz spazierte sie an der hölzernen Hinweistafel vorbei mit der Aufschrift „Zum Ruheforst“, die auf den langgezogenen Zugangsweg zur Urnengrabstätte hinzeigte.

 

Plötzlich hörte sie sie wieder. Die Seelenglöckchen der Toten.

Der Gedanke jagte ihr einen Schauer über den Rücken und ihre Nackenhaare stellten sich.

 

Wind wehte das blecherne, unstete Klingeln herüber zum Weg.

Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte und eilte zum Wagen. Der alte Peugeot wartete jetzt einsam als einziges Fahrzeug auf dem großen Parkplatz auf seine Fahrerin. Mathilde hob Napoleon auf die Rückbank, stieg selbst ein und startete eilig den Motor.

Mit eingezogenen Schultern warf sie einen letzten Blick in den Rückspiegel und ließ den Parkplatz wie ausgestorben hinter sich.

Egal. Sie würde trotzdem am Nachmittag noch einmal herkommen.

 

Nachdem sie zu ihrem Drei-Uhr-Kaffee ein verführerisches Stückchen Apfel-Zimt-Torte genossen hatte, brach sie auf zu ihrem zweiten Versuch an diesem Tag, ihren neuen Bekannten doch noch anzutreffen. Schließlich muss ich ja mit Napoleon Gassi gehen, versuchte Mathilde ihre jugendliche Verrücktheit vor sich selbst zu rechtfertigen.

 

Schon als sie die Anhöhe zum Wanderparkplatz hinauf fuhr, wunderte sich Mathilde über das ungewohnte Verkehrsaufkommen auf der kleinen Nebenstraße.

„Was ist denn hier los?“

Der größte Teil der Parkplätze war belegt und so steuerte sie ihren Peugeot auf einen freien Stellplatz zwischen einem dunklen Mercedes und einem Streifenwagen.

Als sie sich zu Napoleon umdrehte, konnte sie durch das hintere Seitenfenster zwei Beamte in Uniform sehen, die mit einer kleinen Gruppe von Wanderern weiter hinten auf dem Platz standen, wobei der eine Polizist ab und zu auf einen Block schrieb. Mathilde überlegte schon, ob sie nicht doch lieber einen anderen Weg für ihren Spaziergang suchen sollte.

Die Neugier siegte.

Sie stieg aus, nahm ihre Bulldogge an die Leine und marschierte forsch auf die Wanderer zu. Erst jetzt registrierte Mathilde den Leichenwagen, der hinter der mit Rucksäcken bepackten Gruppe vor dem Zugang zum Ruheforst in Wartestellung stand, der Leichenbestatter in dunklem Anzug stützte sich lässig auf die geöffnete Autotür. Ein ungutes Gefühl beschlich sie.

„Was ist denn passiert?“, raunte Mathilde einer Frau im Wanderdress zu, die ein wenig abseits stand.

„Viel weiß ich auch nicht. Aber ich glaube, dort hinten in der Hütte hat jemand einen Toten gefunden.“ Die Frau wies mit ihrem Zeigefinger den mit Rindenmulch bedeckten Weg entlang, der zu den Ruhestätten führte. Mit einem vorsichtigen Seitenblick auf die Polizisten, die mit der Befragung zweier jüngerer Männer aus der Gruppe beschäftigt waren, wisperte ihr die Frau zu: „Ein alter Mann, heißt es.“

 

Mathilde erstarrte. Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wurde ihr zur Gewissheit.

Sie fühlte sich plötzlich wie von dunkler Watte eingehüllt. In ihren Ohren rauschte es und Töne drangen nur noch gedämpft zu ihr. Einen Augenblick lang zitterten ihre Beine.

Melchior? kreiste es unablässig in ihrem Kopf. Deshalb hatte sie ihn heute Morgen nicht getroffen.

 

Ein Ruck an der Leine in ihrer Hand riss sie wieder zurück in die Gegenwart. Napoleon forderte sein Frauchen auf, weiterzugehen, der ganze Rummel war ihrem Hund nicht geheuer.

Wie in Trance bückte Mathilde sich hinunter, streichelte ihn beruhigend an der Seite und suchte selbst Trost bei ihm.

„Komm, wir gehen zu Melchior“, und mit einem tiefen Seufzer im Angesicht des Todes schleppte sie sich sie den Weg entlang, hielt mit Mühe ihren heute so ungezogen an der Leine zerrenden Hund zurück und wäre fast über die Wurzel gestolpert, die sich durch die dicke, federnde Mulchschicht empor gedrückt hatte. Der Duft von Wald und erdiger, feuchter Rinde strömte in ihre Nase erinnerte sie an Gräber und Vergänglichkeit.

Da war es wieder. Das leise Klingeln der Totenglöckchen huschte zwischen den Bäumen umher. Mathilde schluckte.

 

Irgendwie gelang es ihr, bis zu den Absperrbändern der Polizei zu gelangen, wo ein paar Neugierige standen. Mathilde drängte sich dazwischen und versuchte einen Blick in die kleine, halboffene Schutzhütte zu erhaschen. Sie stand hier am Rande des Ruheforstes halb versteckt zwischen jungen Bäumen und einen Steinwurf entfernt von dem großen Holzkreuz, das aus einem Steinhaufen aufragte und von den Betreibern der Anlage als Ort der Besinnung gedacht war. Auf einer der Sitzbänke aus halbierten Baumstämmen, die dort einen Halbkreis um das Kreuz bildeten, hatte Mathilde vorige Woche erst mir Melchior gesessen. Sie spürte, wie ihr Hals eng wurde.

 

Das Innere der Hütte versperrte sich ihrem Blick, denn vor den Eingang waren Planen gespannt, die eben diese Einblicke verhindern sollten. Sie hätte es ja wissen müssen.

Der arme Melchior.

Aber… Mathilde fühlte plötzlich, wie Hitze vom Hals aufwärts in ihren Kopf stieg und ihre Schläfen zu pochen begannen. Wo war sein Hund?

 

Eine Hand legte sich auf Mathildes Schulter. Sie spürte den warmen Druck und drehte sich langsam um.

Ein spitzer Aufschrei entfuhr ihr, die Schlaufe der Hundeleine fiel ihr aus der Hand und dann wurde es schwarz vor ihren Augen.

*

Ein nasser, rauer Waschlappen rieb über ihren Handrücken, wieder und wieder, bis Mathilde endlich die Augen öffnete.

Nach und nach erfasste ihr Bewusstsein, dass sie auf einem dicken Holzstamm saß, der nasse Waschlappen erwies sich als Napoleons Zunge, die die unverbrüchliche Zuneigung des Hundes zu seinem Frauchen bezeugte und mit dem Rücken lehnte sie, sicher gestützt von zwei kräftigen Armen, an einem warmen…

 

An dieser Stelle wurde Mathilde hellwach. Sie richtete sich kerzengerade auf. `Männerkörper`, hatte ihr ein wohliges Gefühl im Rücken vermeldet.

Eine leichte Kopfdrehung zur Seite gab ihr Gewissheit:

„Melchior!“

„Da sind Sie ja wieder, Mathilde. Gott sei Dank.“

„Wieso ich? SIE sind wieder da, Melchior. Ich dachte …“

Sie stockte und zwang ihren Blick hinüber zu der Schutzhütte Dort taten Polizisten in Uniform, Männer in weißen papierartigen Overalls und eine junge Frau in Jeans und Blazer – Kripo, wie Mathilde gewettet hätte – offensichtlich ihre Arbeit.

 

Das war ja wirklich genau wie in den Kriminalromanen. Mathilde kam nur gerade nicht darauf, an welchen ihrer ungezählten Krimis sie dieses Szenario erinnerte.

 

„Aber, wer ist es denn? Wissen Sie es? Die Frau vorhin hat gesagt, man hätte einen Toten gefunden.“

„Das stimmt wohl, aber sollen wir nicht erst mal von hier weg gehen? Sie sind ja noch ganz blass um die Nase.“

„Ach wo, mir gehts gut.“ Die kleine Ohnmacht hatte Mathilde schon fast vergessen und winkte ab. „Ich bin ja nur so erschrocken, weil Sie plötzlich hinter mir standen. Und nicht dort in der Hütte.“

„Wieso sollte ich in der Hütte sein?“

„Weil ich dachte, Sie seien der Tote!“

„Ich? Wie kommen Sie denn darauf, Mathilde?“

Kopfschüttelnd fasste er ihren Ellbogen.

„Aber wissen Sie was? Marschieren wir doch zusammen rüber zur Waldschänke. Dort können wir uns in Ruhe unterhalten, und ein Kaffee wird uns beiden gut tun.“

Jetzt erst nahm Mathilde das Bellen und Tollen der beiden Hunde hinter sich wahr. Sie blickte von den Hunden in Melchiors erwartungsvolles Gesicht und blieb an einer kleinen vertrockneten Fichtennadel hängen, die seitlich an seinem außergewöhnlich gut rasierten Kinn klebte. Sein Rasierwasser duftete frisch, aber nicht aufdringlich.

Beherrsche dich, Mathilde, und sie dachte daran, wie sie ihrem Mann früher ab und an einen Krümel aus dem Gesicht gestreift hatte, und er das ganz und gar nicht hatte leiden können.

„Eine gute Idee.“ Sie nickte ihm zu. Mathilde beugte sich leicht nach vorne, um sich von der unbequemen Baumrolle zu erheben, da bemerkte sie seine stützende Hand.

Ganz Kavalier! Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht, auf dem sich eine sanfte Röte ausbreitete.

„Gehts denn? Sie sehen schon nicht mehr ganz so blass aus wie vorhin.“ Mathilde freute sich, dass er sich um sie sorgte und die dezente Röte wurde um eine Nuance stärker.

 

Beide riefen ihre Hunde zu sich, die tatsächlich vorbildlichen Gehorsam zeigte, und schickten sich an, entlang des gelben Absperrbandes den Tatort zu verlassen. Mathilde ließ Melchior mit seinem Retriever vorgehen.

 

Ihr detektivischer Forscherdrang war urplötzlich erwacht. Sie musste herausfinden, wer der Tote da in der Hütte war. Hoffentlich niemand, den sie kannte? Betont langsam ging sie hinter Melchior und Billy her und zog immer wieder mal kurz an Napoleons Leine, als weigere der sich, bei Fuß zu gehen. Sie drängten sich an einigen Menschen nahe der Absperrung vorbei, die die Hälse reckten.

Diese Sensationsgier heutzutage. Mathilde schüttelte den Kopf und wurde gleichzeitig magnetisch angezogen von der konzentrierten Geschäftigkeit der Polizisten dort drüben um die Holzhütte herum.

„Wissen Sie denn, wen man da gefunden hat?“, sprach sie einen bezopften jungen Mann im Blaumann an, in der Hoffnung, von ihm etwas von Interesse zu erfahren. Oft waren ja Schaulustige gar nicht so unbeteiligt, wie sie die Polizei Glauben machen wollten, wusste sie aus ihren Büchern. Dieser junge Mann passte irgendwie nicht hierher.

„Nö, tut mir leid. Hab nur zum Pinkeln mal kurz hier gehalten. Muss gleich weiter nach Frankfurt.“

 

Ob die Beamten am Parkplatz alle Passanten befragen? Mathilde war jetzt zwar in ihrem Element, aber der Antwort auf ihre drängendste Frage, wer denn nun tot dort im Hüttchen lag, kein Stück näher. Sie hatte Melchior kurzzeitig aus den Augen verloren, denn er war unterdessen weitergegangen. Als sie ihn auf dem Weg zum Parkplatz entdeckte, stand die junge Kripobeamtin in Jeans und Blazer bei ihm und beide waren vertieft in ein Gespräch. Billy stand schwanzwedelnd neben der attraktiven Frau mit den brünetten Locken und stupste auffordernd mit der Schnauze an ihre Hand, die ihn streichelte. Mathilde zog die Augenbrauen hoch und ging zögernd auf die beiden zu. Aus den Gesprächsfetzen, die sie mitbekam, konnte sie sich keinen rechten Reim machen.

„…im Dorf…“, „Unsere Buche…“ und „…unbedingt für dich behalten.“ Jetzt umarmte dieses klapperdürre Dämchen auch noch ihren Melchior. In Mathilde fing es langsam an zu brodeln.

 

„Du bist halt doch eine alte Kuh, Mathilde!“

Doch die Neigung zu Selbstgesprächen wäre ihr beinahe zum peinlichen Verhängnis geworden, denn genau in diesem Moment drehte sich Melchior zu ihr um. Ob er ihren allzu lauten Seufzer der Selbsterkenntnis gehört hatte? Ach, was solls. Ein Jüngling war er auch nicht mehr. Er sollte seinen Altherrencharme bloß nicht überschätzen.

 

Endlich ließ die junge Dame von ihm ab und im Umdrehen hob sie winkend ihren Arm. Mathilde bemerkte ein verschwörerisches Grinsen in Melchiors Gesicht, als er der jungen Frau nachschaute und beneidete die Gelenkigkeit, mit der sie unter dem gelben Band durchschlüpfte.

Schon fast am Sichtschutz vor der Schutzhütte angekommen, nickte sie Melchior noch einmal zu und rief verhalten:

„Mach’ dir einen schönen Abend, Papa!“

 

Papa? Hatte sie richtig gehört? Mathilde spürte an der Hitze in ihrem Gesicht, dass sie rot anlief.

Melchior winkte kurz hinüber, umfasste wieder galant Mathildes Ellenbogen und geleitete sie mitsamt ihrem Hund zurück zum Hauptwanderweg.

„Wollen wir? In der Waldschänke wartet der Kaffee auf uns.“

Mathilde nickte nur.

„Und außerdem interessante Neuigkeiten auf Sie.“

Mathilde horchte auf und taxierte verstohlen Melchiors Gesicht, während sie unbewusst ihren Schritt beschleunigte.

 

„Nun sagen Sie schon. Welche Neuigkeiten?“

Sie saßen an einem rustikalen Eichentisch in einem Nebenraum der Waldschänke, denn im großen Gastraum war heute die Hölle los. Ob das mit dem Leichenfund zu tun hatte? Mathilde war Melchior so bereitwillig an den abgelegenen Tisch gefolgt, wie die beiden Hunde, schließlich war sie gespannt wie ein Flitzebogen auf seine Neuigkeiten.

 

„Monika kann mir natürlich nicht allzu viel sagen, Sie wissen ja, Schweigepflicht.“

Monika war seine Tochter, wie Mathilde peinlicherweise in ihrem Anfall törichter Eifersucht drüben am Ruheforst selbst erkannt hatte. Seit der Ausbildung bei der Polizei war Monika dem elterlichen Nest entflogen und verrichtete jetzt ihren Dienst bei der Kriminalpolizei.

Melchior hatte auf dem Weg zur Gaststätte mit glühendem Vaterstolz von der steilen Karriere seiner einzigen Tochter erzählt.

„Nur findet sie vor lauter Verbrecherjagd anscheinend keinen geeigneten Mann und ich kann auf Enkelkinder warten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.“

Mathilde hatte dem Beklagenswerten mitfühlend zugenickt. Sie selbst liebte ihr einziges Enkelkind über alles und stellte sich immer vor, ein Stück von ihr selbst würde in ihm weiterleben. Der Gedanke beruhigte sie.

„Ein Rentner aus Roßdorf“, rückte Melchior endlich heraus.

„Um Himmels Willen, aus Roßdorf?“

Mathilde fuhr sich entsetzt mit der Hand an den Hals.

„Dann muss ich ihn ja kennen, bei uns kennt doch ein jeder jeden. Wie heißt er denn?“

„Sie wissen doch…“, Melchior legte den Kopf ein wenig schräg.

„Ja natürlich, Schweigepflicht. Aber das kriege ich heute Abend noch raus; ich rufe einfach unseren Bürgermeister an, der erfährt so was als erster.“

Für einen Moment saß Mathilde nachdenklich vor ihrem Cappuccino.

„Und wie wurde er getötet?“, fiel ihr noch ein, das war ja schließlich eine entscheidende Frage.

„Es war doch Mord?“ Sie erinnerte sich an einen Krimi, bei dem in einem offensichtlichen Mordfall sich erst auf der letzten Seite herausstellte, dass der Tote in Wahrheit eines natürlichen Todes gestorben war.

 

Melchior zögerte einen Augenblick, ehe er sich zu Mathilde herüberbeugte und mit gedämpfter Stimme raunte:

„Schädel eingeschlagen. Heute Morgen. Sie suchen noch nach einer schweren, spitzen Tatwaffe. Der Mann wurde wohl in die Hütte geschleift.“

Er schaute sich vorsichtig um, bevor er fortfuhr:

„Doch das hat sie mir im Vertrauen gesagt. Sie müssen mir versprechen, dass Sie es für sich behalten, bis es offiziell ist, Mathilde.“

„Ist doch selbstverständlich. Sie können sich auf mich verlassen, Melchior!“

 

Wo war Melchior eigentlich heute Morgen gewesen? Sie musste ihn bei Gelegenheit fragen.

Sie tranken beide aus. Mathilde nahm ihren Cappuccino immer mit Sahne und kratzte mit dem Löffel zum Schluss noch den letzten Rest vom Boden der Tasse. Ein Genuss. Dann zwängte sie sich zwischen Tisch und Bank hervor.

 

Für den nächsten Tag verabredeten sie einen Spaziergang um acht Uhr mit den Hunden, nur wollte Melchior diesmal ebenfalls auf dem Parkplatz am Ruheforst parken. Mathilde hielt das für durchaus vernünftig. So konnten Billy und Napoleon doch direkt ab Auto miteinander tollen. Einen kleinen, heimlichen Hüpfer machte ihr Herz aber schon, wenn sie an die beiden Menschen dachte, die die Hunde ja begleiten mussten.

Der späten Stunde wegen wurden Mathilde und ihre Bulldogge von Melchior in dessen BMW zum Wanderparkplatz gefahren, wo die beiden in Mathildes altem Peugeot die Heimfahrt in ihr Dorf antraten. Es dämmerte und noch immer standen etliche Fahrzeuge auf dem Platz.

 

Ab jetzt war detektivischer Spürsinn angesagt. Mathilde spürte wieder ihr kriminalistisches Kribbeln im kleinen Finger.

„Wär ja gelacht, wenn ich das nicht rauskriegen könnte.“

*

Bevor sie zu ihrem schnuckeligen alten Häuschen gleich hinter der Dorflinde fuhr, machte sie einen Schlenker ins Neubaugebiet. Dort wohnt der Bürgermeister von Roßdorf in einem schicken Einfamilienhaus und Mathilde würde ihm einen spontanen Besuch abstatten. Schließlich hatte er früher bei ihrem Mann, dem damaligen Bürgermeister, auch immer eine offene Tür vorgefunden, wenn ein gemeindepolitisches Manöver Mitstreiter verlangte, und er hatte später quasi den Posten ihres Mannes geerbt.

 

„Guten Abend Karl-Heinz“, begrüßte sie ihn, noch bevor die Haustüre ganz geöffnet war. „Hast du schon gehört, oben im Ruheforst?“

„Ah, die Mathilde Bauer. Schrecklich, gell. Komm doch erst mal rein.“

„Stör` ich euch auch nicht beim Abendbrot?“

Höflichkeitshalber fragte sie nach, obwohl sie sich auch ohne Skrupel mit an den Tisch gesetzt hätte. Ihre Mission verlangte das eine oder andere Opfer, und sei es vom Bürgermeister.

„Nein, nein, meine Frau kutschiert wieder mal die Kinder. Sportverein. Setz dich doch, Mathilde.“

Er schob ihr den Stuhl am Küchentisch zurecht und Mathilde setzte sich mit einem leisen Seufzer.

„Wirklich schrecklich. Weißt du schon was genaueres, Karl-Heinz?“

„Na ja, die Kunkels haben ja gar nicht gemerkt, dass der Heinrich fort war. Und dann steht plötzlich die Polizei vor der Tür und sagt dir, dein Vater liegt tot im Ruheforst. Die hatten mal wieder Funkstille, der junge Kunkel und Heinrich.“

 

Also war der Tote Heinrich Kunkel. Mathilde nickte, als wüsste sie schon alles. Dabei lagen ihr viele Fragen geradezu auf der Zunge. Heinrich tat ihr leid. Der alte Mann, immerhin war er weit über zehn Jahre älter als sie, war immer freundlich gewesen. Zumindest zu ihr. Allerdings sagten die Leute auch, er sei eigenbrötlerisch und stur und ein Großteil des Zanks in der Familie gehe auf sein Konto.

 

„Wer hat ihn denn eigentlich gefunden?“

„Spielst du mal wieder Miss Mabbel?“ Der Bürgermeister grinste.

Ignorant! Mathilde zog die Stirn in Falten.

„Marianne war`s“, fuhr er fort. „Sie wollte heute Mittag mit zukünftigen Kunden das Gelände besichtigen, ein Ehepaar aus Frankfurt. Baum für zwei ist zur Zeit der Renner, na ja, eigentlich heißt es ja Ruhebiotop für Paare.“

Mathildes Stirn kräuselte sich. Ziemlich flapsig, Karl-Heinz. Sie freute sich ja durchaus, dass die Gemeinde mit dem Waldbestattungsgelände neuerdings eine lukrative Einnahmequelle aufgetan hatte. Jedoch, ein gewisses Maß an Pietät schien ihr im Angesicht des Todes, den sie dort oben in jedem Windhauch hatte spüren können, doch angemessen.

 

„Das muss ein gewaltiger Schock für Marianne gewesen sein.“

„Das kannst du laut sagen. Sie war fix und fertig als sie mich angerufen hat. Zuerst hat sie gedacht, er ruht sich auf der Bank in der Hütte aus, aber dann war da das viele Blut an seinem Kopf. Sie wollte Heinrich wohl noch wachschütteln und dabei ist er auf die Seite gekippt.“

„O je, da hat sich die Kripo bestimmt bedankt.“

„Keine Ahnung. Auf jeden Fall wollte Marianne ihm noch helfen, die gute Seele. War leider zu spät.“

„Das muss sie auch erst mal verkraften.“

Mathilde sah beiläufig auf ihre Armbanduhr und dann zu Karl-Heinz.

„Sie freut sich bestimmt, wenn du mal bei ihr vorbei schaust“, meinte der. „Sie ist ja auch allein, und nach dem Schreck, ich weiß nicht…“

 

Das wollte Mathilde hören.

Die Wohnung der Verwaltungsangestellten, die für die Abwicklung des Ruheforstbetriebes verantwortlich war, lag auf ihrem Weg. Napoleon schnarchte seelenruhig auf dem Rücksitz ihres Autos, also konnte sie durchaus Marianne noch einen Besuch abstatten.

Seit der Dienstzeit ihres Mannes kannte Mathilde die Belegschaft der Gemeindeverwaltung sehr gut und pflegte zu einigen freundschaftliche Beziehungen, besonders zu Marianne. Wie konnte sich ihre Freundin nur auf diese Urnenbuddelei einlassen, dünnhäutig wie sie war. Doch als Single Mitte Fünfzig konnte man halt leider nicht wählerisch sein, die Miete wollte schließlich jeden Monat bezahlt sein.

Beim dritten Klingeln öffnete Marianne die Wohnungstür.“

„Ach Mathilde, gut dass du kommst. Hast du schon gehört?“

„Ja, ich komme grade vom Bürgermeister. Der arme Heinrich, furchtbar.“

Mathilde umarmte die schmale Frau und drückte ihre beiden Hände. Sie waren eiskalt. Marianne zog sie hinein und bot ihr einen Platz auf dem Sofa an.

„Die nette, junge Polizistin ist noch gar nicht lange weg. Ich musste ihr alles nochmal haarklein erzählen.“ Mathilde war ganz Ohr, ihre Freundin sprudelte ja über vor Mitteilungsbedürfnis. Das kam ihr sehr entgegen, vielleicht konnte sie etwas erfahren, das sie weiterbrachte.

Die beiden Frauen tranken Melissentee zur Beruhigung der Nerven und nach einer guten Stunde verließ Mathilde ihre zur Ruhe gekommene Vertraute, gefüllt mit Tee und nützlichen Erkenntnissen.

*

Punkt acht Uhr am nächsten Morgen lenkte Mathilde ihren altersschwachen Peugeot in den Wanderparkplatz am Ruheforst. Hoffentlich war Melchior heute da. Bloß nicht noch einmal so eine Aufregung wie gestern. Das hätte ihr gerade noch gefehlt.

Mit einer Kopfdrehung konnte sie den Parkplatz überblicken. Drei Fahrzeuge parkten heute Morgen hier, immerhin mehr als sonst zu dieser frühen Stunde. Ein grüner Kombi mit dem Firmenaufdruck der hiesigen Gärtnerei gleich bei der Einfahrt. Pinkelpause. Da war sich Mathilde sicher. Der Fahrer im grünen Arbeitsoverall öffnete gerade die Fahrertür. Zurechtrücken der Hose vor dem Einsteigen, ein untrügliches Zeichen.

Weiter hinten, gleich neben dem Fußweg zum Ruheforst stand ein herabgewirtschafteter Pickup von undefinierbarer Farbe, hätte mal wieder eine Wäsche nötig. Die jungen Kunkels. War sicher nicht leicht, den Platz zu sehen, wo der eigene Vater totgeschlagen wurde, ganz gleich, wie man zueinander stand.

Gegenüber dem Fahrzeug der Bauersfamilie Kunkel parkte Gott sei Dank der BMW von Melchior. Gerade öffnete sich die Fahrertür und er stieg aus.

„Siehst du Napoleon, Billy ist schon da. Das wird ein feines Gassi!“

Mathilde beeilte sich, ihren Hund aus dem Auto zu befreien und die Bulldogge schoss wie eine Kanonenkugel auf den Retriever Rüden zu, dem Melchior im selben Moment die Heckklappe öffnete.

Mathilde schlenderte über den Parkplatz zu dem Mann, auf dessen Gesellschaft sie sich beim Aufwachen schon mit einem leisen Prickeln auf der Kopfhaut gefreut hatte und den sie heute hemmungslos als Gehilfen in ihre Nachforschungen einspannen würde.

„Guten Morgen, Melchior!“, rief sie ihm zu und bewunderte die Behändigkeit, mit der er ein Raufspiel mit den beiden Hunden veranstaltete.

 

„Schön heute Morgen, meinen Sie nicht auch?“

Sie blinzelte in die Sonne, die hinter den Baumwipfeln aufstieg und zog den Reißverschluss ihrer Thermoweste ein wenig auf. Ein verstecktes Lächeln in Mathildes Gesicht. Sie spürte den Frühling in allen Gliedern.

 

„Das kann man sagen. Haben Sie gut geschlafen, Mathilde, nach der Aufregung gestern?“

„Ja, ganz gut, danke.“ Schön, dass er sich um sie sorgte. Ihre Züge wurden ernst und sie nickte mit dem Kopf hinüber zum Bestattungsgelände.

„Meinen Sie, wir könnten noch mal rüber gehen, wo gestern …?“

„Wenn Sie möchten. Ich glaube, die Absperrung ist entfernt, meine Tochter meinte gestern Abend jedenfalls, dass die Ermittlungen am Tatort abgeschlossen seien.“

„Hat sie wieder Neuigkeiten?“

„Eigentlich….“

Mathilde legte ihren Kopf ein wenig schräg und sah ihn mit ihrem unschuldig harmlosen Bettelblick an, mit dem sie es schon als kleines Mädchen geschafft hatte, dass ihre Spielkameraden ihr die geheimsten Kleinodien aus den Hosentaschen bereitwillig zeigten.

„Ach was. Die Gerüchtetrommel läuft ja sowieso auf Hochtouren.“

Melchior senkte verschwörerisch seine Stimme.

„Der Sohn war es. Er wurde zur Vernehmung abgeholt“.

„Wie bitte?“, entrüstete sich Mathilde. „Streit in der Familie, Vater erschlagen, Sohn war`s? Das wäre ja zu einfach!“

Mathilde hakte Melchior unter und winkte ihren Hund zu sich.

Mit einem „Kommen Sie!“ zur linken Seite und „Fuß!“ nach rechts forcierte sie ihren Schritt und zog ihn mit sich.

Sie sah von der Seite seinen perplexen Gesichtsausdruck, sicher war er lange nicht so von einer Frau gescheucht worden. Mathilde marschierte samt Anhang, ohne ihr Tempo zu verlangsamen, den Mulchweg hinüber zum Gedenkkreuz im Zentrum des Ruheforstes.

„Da ist sie ja.“

„Wer?“, fragte Melchior mit verständnislosem Blick.

Mathilde zeigte zur Hütte, in der Marianne gestern den alten Heinrich gefunden hatte.

„Die Schwiegertochter, Maria Kunkel. Gehen wir doch mal zu ihr“, bestimmte sie weiter die Richtung und ging dann alleine ein paar Schritte in die Hütte hinein, wo eine junge Frau auf der umlaufenden Bank saß.

„Maria, mein herzliches Beileid.“

Mit genau dem Maß an Mitgefühl in der Stimme, das ihr nötig erschien, gab Mathilde der jungen Frau zur Kondolenzbezeigung die Hand.

„Wie furchtbar, dass der Heinrich so enden musste.“ Sie betrachtete das rot verweinte Gesicht der jungen Frau, die heute noch nachlässiger gekleidet war als sonst. Wahrscheinlich war sie direkt von ihrer Arbeit im Stall hier hochgefahren. Kinder hatte sie ja nicht zu versorgen, leider. Die viele Arbeit und der ständige Zwist, kein Wunder, dass sie aussah wie fünfzig. Achtunddreißig war sie erst, eine Klassenkameradin ihrer Tochter.

 

„Ach, der Alte! Sogar im Sterben macht er meinem Mann das Leben noch zur Hölle. Aber das hätte der nicht mal nach dem schlimmsten Krach fertig gebracht. Seinen Vater erschlagen. Niemals!“

Die Schultern der jungen Bäuerin zuckten vor unterdrücktem Schluchzen und sie hielt die abgearbeiteten Hände vors Gesicht.

„War Heinrich denn öfter hier im Ruheforst?“, wollte Mathilde von Maria wissen.

Maria hob ihren Kopf und blickte Mathilde entgeistert an.

„Der? Der ist doch immer nur über den Ruheforst hergezogen. `Wo sie die Toten verbuddeln wie die Eichhörnchen ihre Nüsse` und `Wo einem die Rehe auf den Kopf kacken` hat er das hier genannt. Den hat`s bestimmt nicht hier hergezogen.“

Da täuschte sie sich. Mathilde rekapitulierte ihr gestriges Gespräch mit ihrer Freundin Marianne, der Verwalterin der Grabstätten. Zur Sicherheit fragte sie nach.

„Also wollte er nicht hier begraben werden?“

Die Frau auf der Bank schüttelte energisch den Kopf. „Niemals. Mein Mann hätte das auch nie zugelassen. Wir bezahlen doch schon für das Familiengrab auf dem Friedhof, das reicht wohl!“

 

Hatte sie es doch geahnt. Der alte Heinrich hatte seine Geheimnisse.

„Und es gab nie Streit zwischen deinem Mann und seinem Vater deswegen?“

„Streit gab es viel. In letzter Zeit war der Schwiegervater überhaupt komisch hat ständig mit uns getrotzt. Und dann ist er jedes Mal mit seinem alten Moped rumgefahren, Abfälle für die Wildschweine rausbringen, stell dir mal vor. Man musste noch Angst haben, er verfährt sich oder bricht sich das Genick. So ähnlich ist das alles jetzt auch. Aber wegen Beerdigung und so war nie etwas.“

„Warum verdächtigt die Polizei denn überhaupt deinen Mann?“

Der Jungbauer war doch im Grunde geduldig wie ein Ochse, Streit hin, Streit her. Er war sicher nicht der Totschläger. Mathilde schaute in das verzweifelte Gesicht Marias.

„Die meint, er hätte das Moped vom Schwiegervater beiseite geschafft. Warum glauben sie uns nicht, dass wir nach dem Krach gestern Morgen die ganze Zeit zusammen im Haus waren. Wer soll uns auf dem Aussiedlerhof schon sehen? Ist doch einsamer als auf dem Mond da draußen.“

Sie tat einem schon leid, doch jetzt war es wieder einmal Zeit für Melchiors „Neuigkeiten“.

Mathilde reichte der Frau ihre Hand um sich zu verabschieden.

„Ich wünsche dir viel Kraft, Maria. Nur nicht den Mut verlieren, es klärt sich alles auf, ganz sicher“, versuchte sie deren Verzweiflung ein wenig zu mildern. Nach einem aufmunternden Nicken drehte sie sich um zu Melchior, der draußen vor der Hütte mit den beiden Hunden an den Leinen gewartet hatte. Vorbildlich, Hunde und Herrchen. Ihre Mundwinkel zuckten leicht.

 

„Melchior, wollen wir endlich gehen?“

Doch bevor er noch Atem holen konnte für eine Entgegnung auf ihre vorwitzige Stichelei, beeilte sie sich, ihm die Verantwortung für Napoleon durch die Übernahme der Hundeleine abzunehmen und schlug ihm vor:

„Wie wär`s, wenn wir da lang gehen, wo Sie gestern früh spazieren gegangen sind?“

Hoffentlich bemerkte er nicht ihr hinterlistiges Winkelzüglein. „Gewieftes Stück“ hatte ihr Mann sie manchmal genannt. Im Weggehen drehte sich Melchior noch einmal um zu der Hütte und nickte der unglücklichen Frau dort drinnen zu. Zurückhaltung und Mitgefühl schätzte Mathilde bei einem Mann, mal sehen, was sie noch Interessantes an ihm entdeckte.

„Wo ich gestern früh …? Ach ja, da haben wir ja noch gar nicht … Also, gestern war ich sehr früh dran und habe noch einen Schlenker oben zur Hinrichskoppe gemacht, danach wollte ich unsere Buche besuchen. Aber Billy hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, und zwar gewaltig. Er ist mir durch geflitzt. Und dann habe ich Sie leider verpasst.“

„Billy durchgebrannt, der Ausbund von Gehorsamkeit?“

„Ja, tatsächlich. Oben an der Koppe ist ihm wohl ein ganz besonderer Wind durch die Nase gezogen, jedenfalls konnte ich rufen und pfeifen, wie ich wollte. Er war weg.“

„Und dann?“ Mathildes Kribbeln im kleinen Finger war wieder da.

„Nach zehn Minuten dachte ich, da kann was nicht stimmen und lief in die Richtung, in die er verschwunden war. Kreuz und quer durchs Unterholz. Keine Reaktion auf meine Rufe. Nach etwa weiteren zehn Minuten hörte ich dann endlich ein Bellen, zum Tal runter.“

„In Richtung Fischbach?“ Sie kannte die Strecke, nur wenige Kilometer bis dahin, von hier durch den Wald vielleicht eine dreiviertel Stunde?

„Ja, und stellen Sie sich vor, als ich dann endlich bei Billy ankam, rannte er bellend um einen Dornenbusch herum. Wie ein aufgescheuchtes Huhn.“

„Saß etwa ein Fuchs drinnen?“ Witzige Vorstellung, der brave Retriever als gejagter Jäger. Sie musste lachen.

„I wo. Nur altes Werkzeug hing dort im Gebüsch, sicher hat einer aus dem Dorf dort im Waldstück Holz gefällt und es vergessen. Man hat noch die Spurrillen seines Mopeds auf dem Waldboden gesehen.“ Mit einem Seitenblick zu ihr meinte er: „Mir war allerdings nicht zum Lachen zumute, so hatte ich mich abgekämpft bei der Suche.“

Der Arme. Sie hätte ihn gern tröstend umarmt, doch ein mitfühlendes Tätscheln am Arm war wohl unverfänglicher, später vielleicht?

„Dort ist doch der Abzweig zu Ihrem Weg von gestern. Wollen wir?“

„Ja gerne. Nur Billy bleibt an der Leine. Sicher ist sicher.“

 

Sie wanderte neben Melchior durch den Wald bis zu dem Buschwerk von gestern. Schön, so ein gemeinsames Ziel. Mathilde sah die kleinen Schweißtröpfchen auf seiner blanken Kopfhaut. Volles Haar, Glatze. War das wichtig?

 

„Wo haben Sie denn das Werkzeug gesehen?“

Melchior deutete ins Dickicht hinein und Mathildes Blick folgte der Richtung seines ausgestreckten Armes. Tatsächlich hing dort auf einem Ast, nicht ganz am Boden ein etwa einen Meter langes flaches Werkzeug aus Metall, das aussah, wie eine überdimensionale Schieblehre. Am vorderen Arm, sah das nicht aus wie getrocknetes Blut, dort an der Spitze?

„Eine Kluppe!“

Mathilde sah, wie Melchior zusammenzuckte. Hatte sie ihn erschreckt mit ihrem Aufschrei? Manchmal war sie aber auch zu impulsiv.

„Pardon. Aber so ein Ding kenne ich noch von meinem Vater. Der war nämlich Förster und hat damit immer die Dicke der Bäume gemessen“.

Im selben Moment hörte Mathilde ihren Napoleon bellen. Ganz aufgeregt war er. Sie drehte sich um und sah ihn wie ein Gummiball um einen weißen Eimer herum hüpfen, der halb verborgen unter den tiefhängenden Ästen einer jungen Fichte keine zehn Meter weiter lag. Mathilde eilte zu ihrem Hund und hob den Ast zur Seite.

„Still, Napoleon!“. Die Bulldogge machte gutmütig `Platz`. Braver Hund.

„Küchenabfälle! Fleischreste! Wer wirft das denn einfach in den Wald? Und den Eimer dazu“, entrüstete sich Melchior, der Mathilde gefolgt war.

„Ich glaube, weiß es. Kommen Sie, Melchior, wir müssen alles liegen lassen, wie es liegt und dürfen nichts berühren. Sie haben ab sofort einen Auftrag.“

 

Wie das personifizierte Fragezeichen sah er aus, Mathilde schmunzelte. Auf dem Rückweg berichtete sie ihm ausführlich, was ihr die Schwiegertochter des erschlagenen Altbauern erzählt hatte. Jetzt kam Melchiors Einsatz.

„Bei Ihnen in Fischbach muss ein alter Mann leben, der vielleicht ebenso ein Querkopf ist wie der alte Heinrich zu Lebzeiten. Und die beiden müssen sich sehr gut gekannt haben. Können Sie das herausfinden?“

„Ja, ich kann mich bei den Angelbrüdern mal umhören, und in der Gastwirtschaft“, bot er an.

„Aber woher wissen Sie denn von dem ominösen Freund?“

„Das erzähle ich dann, wenn wir ihn gefunden haben.“ Neugier erhöhte die Effizienz des Suchens. Hatte sie das nicht mal gelesen?

Zu sehr wollte sie ihn dann doch nicht auf die Folter spannen.

„Gestern Abend habe ich noch mit Marianne gesprochen, die den Toten gefunden hat. Meinen Sie, bis zum Mittagessen könnten Sie die Fischbacher Gerüchtequelle anzapfen?“

„Ich denke schon. Sollen wir uns in der Waldschänke treffen? Das Wildgulasch dort ist exzellent“, schlug Melchior vor.

*

Um dreizehn Uhr trafen sie sich wieder. Melchior saß schon an dem abgelegenen Tisch, den Mathilde von gestern kannte.

„Waren sie erfolgreich?“ Sie vergaß vor lauter Spannung, Melchior angemessen zu begrüßen und Billy, der unter dem Tisch lag, zu streicheln. Napoleon übernahm das für sie und gesellte sich zu seinem Hundekumpan.

„In der Tat, ich hoffe, meine Neuigkeiten sind hilfreich.“

„Und die wären?“ Sollte er es doch nicht auf die Spitze treiben, sie platzte beinahe vor Neugier.

„Ein gewisser Kurt Volkmann, einundachtzig Jahre alt. Ein seltsamer Kauz, so die einhellige Meinung der Leute. Ich selber kenne ihn nur vom Sehen, zwei oder dreimal hier draußen im Biergarten. Ein Mann vom Angelverein glaubt zu wissen, dass er heimlich einen guten Kumpel aus Roßbach hat. Warum die Heimlichtuerei, weiß niemand. Treffen sich wohl meistens hier in der Waldschänke. Er ist wohl noch top fit und macht lange Wanderungen hier in der Umgebung. Und jetzt das Beste…“

Mathilde hielt den Atem an. War sie tatsächlich auf der richtigen Spur?

„Kurt Volkmann war früher Forstarbeiter und kennt hier im Wald jeden Baum mit Vor- und Zunamen.“

Mathilde klopfte Melchior, der heute neben ihr auf der Bank saß anerkennend auf die Schulter. Sie hatte ja gewusst, dass er ein toller Hecht war. Eine Nachfrage beim Wirt der Waldschänke bestätigte ihr, dass in den letzten Monaten sich die beiden alten Männer hier häufig auf ein Bier oder auch zwei getroffen hatten.

„Jetzt wird es Zeit, mit ihrer Tochter, der Kommissarin, zu sprechen. Den Rest muss sie übernehmen.“

Mathilde lieh sich Melchiors Seniorenhandy und wählte Kommissarin Monika Lehnerts Nummer. Praktischerweise gespeichert, es lebe die Technik. Nachdem sie Melchiors Tochter zunächst erklärt hatte, in welcher Beziehung sie zu ihrem Vater stand, teilte sie ihr mit, dass sie den wahren Täter vom Ruheforst kenne. Mathilde wunderte es nicht, dass die Kommissarin sie für völlig übergeschnappt hielt, dachte man doch bei der Polizei, der Täter sei schon gefasst, der Sohn logischerweise. Die Indizien sprachen schließlich dafür. Doch nach fünf Minuten, in denen Mathilde alle ihre gewonnenen Erkenntnisse ausführlich präsentiert hatte, erklärte Monika Lehnert sich bereit, sich bei besagtem Kurt Volkmann in Fischbach umzuschauen. Gleichzeitig würde ein Polizeibeamter sie und Melchior abholen. Sie sollten die Ermittler zu dem Dickicht im Wald führen, wo Mathilde die Tatwaffe vermutete. Mathilde drückte die rote Taste und genoss Melchiors bewundernde Blicke.

 

Am Abend saßen sie zu dritt am nun schon vertrauten Tisch in der Waldschänke, Mathildes Wade wurde gleichzeitig von einer spitzen und einer platten Hundeschnauze angestupst. Melchiors Tochter Monika hatte sie beide zum Essen eingeladen und Mathilde nahm das als gerechtfertigte Gegenleistung für ihre detektivischen Bemühungen. Schließlich war das Wildschweingulasch am Mittag der Ermittlung zum Opfer gefallen.

 

„Nun sagen Sie doch, wie Sie auf den heimlichen Freund des Opfers gekommen sind?“, wollte Monika Lehnert von Mathilde wissen.

„Sehen Sie, gute Freundinnen erzählen sich alles.“, fing Mathilde an zu berichten.

„Marianne, Sie wissen doch, die zuständig ist für die Verwaltung des Ruheforstes und die den alten Heinrich gefunden hat, hat mir im Vertrauen erzählt, dass der alte Mann sich heimlich ein Ruhebiotop für Paare aussuchen wollte, nur sollte es sein Sohn um keinen Preis erfahren. Hat er auch nicht, wie ich von der Schwiegertochter weiß. Lediglich der Polizei hat sie es gesagt, doch die hielt das wohl für unwichtig.“ Dabei schaute sie die Kommissarin an, die bei ihren Worten sichtlich unbehaglich dreinschaute.

„Niemandem außer mir hat sie dagegen erzählt, dass ein alter Knabe aus Fischbach dasselbe kauzige Anliegen wie Heinrich hatte und diesen wohl gut gekannt habe. Nur den Namen wollte sie mir nicht verraten, wegen der Schweigepflicht. Herausgefunden hat ihn dann ja Melchior.“

Mathilde schien es, als entdeckte sie einen Anflug von Stolz auf seinem Gesicht.

Die Kellnerin stellte drei Teller mit köstlich duftendem Wildschweingulasch auf den Tisch. Kartoffelknödel und Rotkraut dampften noch.

„Und was hat die Polizei ermittelt?“ Mathilde wendete sich wieder Monika Lehnert zu.

„Wie Sie vermutet hatten, ist das Messgerät, das Billy im Wald gefunden hat, die Tatwaffe. Kluppe ist wohl der Fachausdruck Das Blut daran ist eindeutig vom Opfer.“

„Was ich noch nicht verstehe ist, warum Billy nicht zu halten war am Morgen?“ warf Melchior ein.

„Die Küchenabfälle. Fleisch.“ Mathilde zeigte auf ihre Nase. „Billys Nase ist halt genial. Und dann hat er das Blut gerochen.“

„Tatsächlich haben wir das verschwundene Moped des Opfers in einer alten Holzhalle von Kurt Volkmann gefunden. Der Eimer muss vom Gepäckträger gerutscht sein, als er anhielt, um die Tatwaffe ins Gebüsch zu werfen. Kurt Volkmann hatte sich wohl seit gestern in seinem Haus verkrochen, aber als heute Nachmittag das Polizeiauto vor seiner Tür stand, öffnete er sofort. Er war moralisch völlig am Ende und machte ein ausführliches Geständnis.“

„Aber sein Motiv, das ist mir immer noch ein Rätsel, ich komme einfach nicht drauf“ musste Mathilde zugeben. Sie war eben noch nicht perfekt.

„Da muss auch erst mal jemand drauf kommen“, lachte die Kommissarin. „Man muss sich einmal vorstellen: Zwei alte Männer entwickeln im hohen Alter eine Freundschaft, eine richtiggehende Blutsbrüderschaft. Sie wollen sogar die Ewigkeit miteinander verbringen und beschließen, sich ein gemeinsames Grab zu sichern. Ein Ruhebiotop für Paare war da perfekt. Nur durften die Angehörigen der beiden nichts erfahren, denn die bestanden bekanntermaßen auf ihrem Familiengrab auf dem jeweiligen Friedhof. Gestern nun wollen sie ein geeignetes Biotop aussuchen, sehr früh, damit niemand sie beobachten kann. Mit Hilfe von Kurt Volkmanns Kluppe suchen sie den dicksten Baum, doch sie können sich nicht einigen. Bei einer mächtigen Eiche geraten sie, Hitzköpfe beide, in Streit, es kommt zum Gerangel und im Affekt erschlägt Kurt seinen Freund. Als er sich wieder beruhigt hat, schleift er Heinrich zur Hütte und setzt ihn wie einen rastenden Besucher hinten auf die Bank. Er flüchtete mit Heinrichs Moped und den Rest kennt ihr ja. Nur die Brieftasche des Opfers ist unauffindbar, leider.“

 

Mathilde horchte auf. Vielleicht war es gestern früh doch nicht der Hase, den Napoleon verbellt hat?

„Fragen Sie doch mal bei dem Fahrer des Kleintransporters nach, der gestern früh am Ruheforst parkte. Rot. Würzburger Kennzeichen. Drei Goldene Kraniche im Firmenlogo seitlich am Fahrzeug. Wahrscheinlich liegt sie aber ausgeräubert im Unterholz gleich am Wanderparkplatz.“

 

Die Kommissarin hob die Augenbrauen und machte sich eine Notiz. Mathilde nahm ihren anerkennenden Blick mit Stolz zur Kenntnis.

„Wenigstens ist mein Wildschwein nicht kalt geworden“, hörte Mathilde von der anderen Tischseite her. Als sie Melchior ansah, war ihr, als würde er vor Bewunderung gleich platzen. Oder war da noch etwas anderes?

 

Sie spazierten nebeneinander her; die beiden Hunde trollten hinter ihnen her auf dem Weg, der vor kurzem offenbar mit einer neuen Schicht Rindenmulch bedeckt worden war. Ein leichter Wind strich durch die Wipfel und Mathilde hörte leises Klimpern von den Bäumen herüber. Sie entdeckte kleine Schildchen aus Metall, die an unzähligen Bäumen die Namen der dort bestatteten Menschen trugen und im Wind an den Nägeln tanzten. Das war es also! Abergläubischer Angsthase, der du warst.

„Was denken Sie, Mathilde, wäre es nicht an der Zeit fürs DU?“, holte Melchiors Frage sie zurück ins Jetzt.

Mathildes Herz schlug um ein Quäntchen geschwinder.

„Gerne, Melchior.“

  

Marga Eisenacher

2011