Er war von Anfang an der Langsamste gewesen. Die anderen, hauptsächlich die Jungs, lachten ihn immer aus, wenn die dicken, leckeren Eicheln schon wieder aufgegessen waren und er sich vor Hunger mit dem mickrigen Rest begnügen musste. Ständig knurrte ihm der Bauch und seine Mutter wollte ihn auch nicht mehr an die süße Milchquelle heranlassen. Zum Glück war er ziemlich geschickt mit der Nase und konnte einen dicken, fetten Engerling schon aus einer Entfernung von zehn Eberlängen wittern. Doch einen solchen Leckerbissen buddelte er erst aus, wenn die anderen weitergezogen waren. Er war ja sowieso immer der Letzte in der Rotte, und so merkten sie es nicht.

Mit der anbrechenden Dämmerung am Ende eines verschlafenen Regentages hetzte er wieder einmal seiner Familie hinterher zu den neuen Futterplätzen, die Mutter ihnen zeigen wollte. Es war ziemlich weit und seine kurzen Beinchen mussten trappeln und trappeln, damit er den Anschluss nicht verlor. Ganz in der Nähe hörte er es laut röhren und seltsam brummen, waren die Gehörnten heute auch hier zum Futtern? Na, das konnte ja heiter werden.

Plötzlich drang ein unermessliches Kreischen und Quietschen an seine Ohren, es krachte laut und ein grelles Licht blendete ihn. Bis ins Mark erschrocken stemmten sich seine Beine in den Boden und er blieb starr vor dem kleinen Feldrain stehen. Er spürte es im ganzen Körper pochen und rauschen. Er stand eine Ewigkeit einfach nur da.

Mit einem Mal war nur noch Stille und Dunkelheit um ihn herum. Was war passiert? Wo war Mutter? Wo waren seine Brüder und Schwestern? Das hohe Gras versperrte ihm den Blick über die leichte Anhöhe vor ihm. Doch der Wind von dort oben trug eine Witterung in seine Nase, die ihm Angst machte: Blut, Tod, Verlassenheit. Lange Zeit noch lauschte er, aber sie kamen nicht zurück, er war allein.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Tautropfen an den Fichtennadeln glitzerten, fand er eine dichte Schonung mit einer geschützten Mulde im Innern, in der er sich endlich ausstrecken und schlafen konnte. Die ganze Nacht über war er durch den Wald geirrt, ohne die Führung seiner Mutter und ohne die Neckereien seiner Geschwister. Nur der Hunger hatte ihn geleitet und ein unbändiger Lebenswille. Sein brillanter Geruchssinn hatte ihm einige kräftigende Häppchen aus dem Waldboden verschafft und zu einer mächtigen Eiche mit ungeheuer dicken Baumfrüchten geführt. Sein Bauch war noch am Morgen gestopft mit Eicheln. Doch wie gerne hätte er die Eicheln diesmal mit seinen Geschwistern geteilt. Den Tag verschlief er, satt, erschöpft und einsam.

Die Abenddämmerung weckte ihn auf, genauer gesagt, sein knurrender Magen. Er erinnerte ihn daran, dass es Zeit war, den Wald nach Essbarem zu durchstöbern. Wie in der Nacht zuvor ließ er sich von seinem Instinkt leiten, denn der Wald um ihn herum war ihm völlig fremd. Er fand auf dem Boden unter den riesigen Buchen unzählige würzige Bucheckern; von den jungen Eichenschösslingen ein Stück weiter konnte er leicht die Blätter mit seinem Rüsselchen abstreifen; in einem Gestrüpp lagen noch etliche Hagebutten herum. Sogar einige Würmer und Engerlinge gerieten ihm beim Durchwühlen des weichen Waldbodens zwischen die Zähne. Es wurde eine anstrengende Nacht.

Er vermisste die Gesellschaft seiner Geschwister, obwohl sie ihn immer ausgelacht hatten. Und wie gerne hätte er wieder die vertraute Witterung seiner Mutter in der Nase gespürt.

Es wurde schon ein wenig hell, als er am Waldrand in ein dichtes Buschwerk aus Adlerfarn geriet. Mit Wohlgenuss pflügte er seinen starken Rüssel durch die weiche Erde und grub die Farnwurzeln aus. Sie schmeckten vorzüglich. Erschöpft von all dem Suchen und Fressen und Laufen in der Nacht legte er sich mitten in das Gebüsch, die mächtigen Schwingen des Adlerfarns neigten sich schützend über ihn. Er schlummerte ein und ihm war, als ob er zwischen seinen Brüdern und Schwestern auf einem weichen Blätterbett kuschelte und das leise Schnarchen und Schnaufen der Mutter ihren Schlaf bewachte.

Als er die Augen öffnete, konnte er immer noch das Schnauben der Mutter hören. Und die Sonnenstrahlen kitzelten auf seiner Schnute. Er blinzelte, das grelle Sonnenlicht war er nicht gewohnt.

Durch das lichte Grün der Farnblätter hindurch sah er ein merkwürdiges Wesen zu ihm herunter glotzen: zwei große, runde Augen, schwarzes Fell, wie das seiner Mutter, nur ein wenig zotteliger. Eine kugelige Rüsselschnute und Haarbüschel an Ohren, die seinen eigenen glichen.

Wirklich seltsam. Seine Mutter war das nicht, das war ihm klar. Aber vielleicht die Mutter einer anderen Familie, vielleicht Verwandte? Sie schnaubte fast so wie SIE es immer getan hatte, wenn er ihr folgen sollte. Er konnte deutlich spüren, dass auch diese dort ihn locken wollte. Neugierig und noch ein wenig steif wälzte er sich auf die Beinchen und zwängte sich durch die Farnwedel hindurch auf das Mutterwesen zu. Jetzt hatte er freie Sicht auf ihre imponierende Gestalt. Riesig stand sie da auf ihren langen Beinen. Unter ihrem Bauch könnte er bestimmt durchlaufen, und ihr Zottelfell würde ihn dabei nicht mal an den Ohren kitzeln!

Zwischen den Hinterbeinen des Muttertieres blieb sein Blick wie elektrisiert kleben: dort waren Zitzen, so gewaltig und kolossal, wie er sie sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können!

Das Verlangen nach süßer Milch stieg in ihm auf und er tippelte vorsichtig in ihre Richtung. Gerade als er zu den beiden weißen Bändern kam, die ihn noch von ihr trennten, drehte sie sich um und trottete davon.

Er ließ sich nicht entmutigen. Vorsichtig duckte er sich unter dem Band hindurch und vermied tunlichst, es zu berühren. Noch allzu deutlich klang ihm das Quieken seines Bruders in den Ohren, als dieser bei einem der nächtlichen Streifzüge zu einem Maisfeld ein ähnliches Hindernis mit seiner Rüsselnase an gestupst hatte. Unbeschadet auf der anderen Seite angekommen lief er zielstrebig dem Muttertier hinterher, einen kleinen Hang hinauf und um eine dichte Brombeerhecke herum.

Dort blieb er wie angewurzelt stehen.

Auf der ausgedehnten Wiese vor ihm stand eine riesige Rotte weiterer Zottelwesen, die ihn mit großen Augen neugierig anstarrten. Einige davon hatten ein weißes, lockiges Fell und nur ihre Ohren und Füße waren schwarz. Auch kleinere standen dazwischen, Kinder?

Laut schnaubend kam ein imponierender Schwarzer mit mächtigem Haupt angestapft, stierte misstrauisch zu ihm herüber und brüllte in einer fremden Sprache. Der Rottenchef?

Das Wasser des kleinen Baches am Wiesenrand trat an einigen Stellen über das Ufer und vermischte sich dort herrlich mit der dunklen Erde. Bestimmt machte es einen Heidenspaß, sich ausgiebig darin zu wälzen. Und danach den juckenden Borstenkittel an den Weidenstämmen scheuern. Das ist das Paradies!

Wenn ich´s mir richtig überlege, so dachte er, gibt es hier alles, was ich mir gewünscht habe: Eine Mutter, die mich leitet und wärmt, eine süße Milchquelle, Geschwister zum Kuscheln und Raufen, Wasser und Schlamm im Überfluss, und auf der großen Wiese leckere Würmer und Wurzeln zum Rüsseln. Und Eichen hinten am Waldrand - hmm.

Er quiekte vergnügt: HIER BLEIBE ICH und trabte mitten hinein in sein neues Leben.


Sieben Wochen später ging der Journalist Klaus Junkas noch einmal einige Stellen seiner Aufzeichnungen durch, die er nach dem Interview am Morgen gemacht hatte:

Bernd Börtsch, Rinderhalter aus Waake, Nähe Göttingen.

Herde von etwa fünfundzwanzig zotteligen Galloway-Hochlandrindern hinter weißen Bändern eines Elektrozaunes, kleines Wildschwein mittendrin.

Frage: Erzählen Sie doch mal, wie kommt das Wildschwein zur Rinderherde?

Börtsch: „Ich nehme an, seine Mutter ist tot. Vor einigen Wochen hat es einen Wildunfall gegeben. Auf der Bundesstraße, ein paar Kilometer weiter da lang. Traurig. Eine ganze Wildschweinrotte ist umgekommen! Vielleicht hat dieser Frischling überlebt und sich eine Ersatzfamilie gesucht?

Frage: Hochlandrinder und Wildschweine, wie passt das denn zusammen?

Börtsch: Na ja, anfangs hat er es ganz schön schwer gehabt, der Kleine. Die Rinder haben ihn immer wieder verjagt. Ich hätte nicht gedacht, dass er es schafft. Aber der Racker ist wirklich hartnäckig. Mittlerweile frisst er Gras wie die Kühe. Und manchmal versucht er sogar zu muhen (B. grinst). Würde mich nicht wundern, wenn er auch bei der schwarzen Mutterkuh dort drüben säuft. Die hat unser Freddy nämlich besonders gern!

Frage: Habe ich richtig verstanden – FREDDY?

Börtsch: Sein Taufname, jawohl. Freddy lebt jetzt als Galloway-Rind.

Marga Eisenacher 2010