Kein Laut stört die nächtliche Stille. Alles ist in dunkler Ruhe versunken.

Unter der dicken Schneedecke hält der Fußballplatz Winterschlaf. Ein blasser Mond steht über den hohen Kiefern. Reglos halten sie Wache, eingehüllt in warme weiße Mäntel.

Der Rasen träumt vom kommenden Frühjahr, von Sonnenschein und Regen, von Wärme und Wachstum. Aber er weiß auch um die Schattenseiten der warmen Jahreszeit, und das macht ihm Angst. Die Leiden der letzten Spielsaison hat er nicht vergessen.

Kaum hatte er seine ersten Halme  zaghaft in die Frühlingsluft gestreckt, da kam ratternd und stinkend der Rasenmäher, um sie gnadenlos abzuschlagen.

Die verbliebenen Grasreste wurden dann noch mit einer schweren Walze plattgedrückt, um auch den letzten winzigen Maulwurfhügel zu beseitigen. Es könnte ja sonst ein teuer bezahlter Spieler stolpern.

Gerade als sich der Rasen von diesem Schock erholt hatte, begann das Fußballtraining. Hunderte stollenbewehrte Schuhe trampelten stundenlang auf  dem geschwächten Rasen herum. Ihm schmerzte jede Wurzel. In den kühlen Abendstunden schaffte er es nur mit letzter Kraft, die geknickten Halme wieder aufzurichten.

Der Verein, die Sportler und die Fans gönnten ihm jedoch keine Erholung.

Kam der Mann mit dem Kreidewägelchen um die Linien zu erneuern, ahnte der Rasen Schlimmes. Wochenende! Spieltag!

Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel : „Bitte lass es nur ein Spiel sein und kein Turnier.“

Schon am frühen Nachmittag wurde es laut und hektisch. Fans standen Fahnen schwingend und Schlachtrufe grölend um das Spielfeld. Dann liefen die 22 Gladiatoren, der Schiedsrichter und die Linienrichter ein. 50 gestählte Beine, die Füße in Stollenschuhen.

Den Rasen schauerte es schon beim Einmarsch. Ängstlich wartete er auf den schrillen Anpfiff. Dann brach die Hölle über ihm los!

Die Mannschaften rannten und stampften sinn- und ziellos auf dem Platz herum, wie eine Herde kopfloser Büffel auf der Prärie im wilden Westen. Die Stollen bohrten sich in den Boden, zermalmten jeden Grashalm und ließen die Wurzeln vor Qual aufschreien.

Dazu noch der Höllenlärm der Zuschauer. Skandierende Schlachtrufe, laute misstönende Trompetenstöße, schrille Trillerpfeifen, eine Kakophonie nervtötender und ohrenbetäubender Geräusche.

Und das Alles um die Spieler anzufeuern hinter einem Ball herzurennen, als gäbe es auf der Welt nur diesen einen einzigen.

Nach zwei langen, schrecklichen Stunden war die Tortur endlich vorüber.

Der geschundene Rasen versuchte vorsichtig Luft zu holen. Er hatte Schmerzen von der Wurzel bis in die Grashalmspitzen.

Jammernd und stöhnend klagte er dem Abend seine Not. Der Mond hörte ihm zu und tröstete ihn mit seinem weichem Licht.