Meine Kochleidenschaft kommt nicht von ungefähr. Schon mein Vater wusste ein schmackhaftes Gulasch bei Wandertagen im großen Kessel zu schmoren. Mein Großvater Ludwig war noch professioneller. Er war im Ersten Weltkrieg Feldkoch der Deutschen Armee.

Da insbesondere männliche Starköche am Herd noch unbekannt waren, schwang gewöhnlich Oma Apolonia das Kommando in der Küche. Sie kochte und Opa musste die Arbeiten an Haus und Hof erledigen.

Nur an den seltenen Tagen, an denen Oma beim Arzt oder zu wichtigen Besorgungen in der Stadt unterwegs war, musste er ran.

So wies ihn Oma eines Tages an, sie müsse heute Morgen nach Marktheidenfeld und er solle auf zwölf Uhr etwas kochen; am besten Sauerkraut mit Rauchfleisch und dazu Kartoffelbrei.

Es wurde Mittag. Oma war rechtzeitig zum Mittagessen zurück, ebenso der jüngste Sohn Burkard, der kurz nach Beginn der Mittagspause vom Zementwerk Lengfurt zum Essen kam.

Es gab Gulasch, das allen ausgezeichnet schmeckte. Kurz bevor die Teller leergegessen waren, fragte Oma, warum er eigentlich kein Kraut gekocht hätte.

Darauf erklärte Opa, dass ihm beim Metzgers Otto das Rauchfleisch einfach zu fett war. Er sei deshalb auf Gulasch umgeschwenkt.

Auch gut, meinte Oma. Wo er denn die Zwiebeln herhätte?

Auf dem Fensterbrett zum Keller hätte er schöne und vor allem zahlreiche davon vorgefunden.

Ein Schrei gellte durchs Haus.

Tulpenzwiebeln!!!! Wir sterben! Die sind doch hoch giftig!

Alle schoben entsetzt ihre Teller von sich. Sofort wurde literweise Wasser getrunken. Trotzdem war der ganzen Familie übel.

Als ich von der Schule heimkam, hatte sich das Unglück schon in der ganzen Straße herumgesprochen. Da musste ich sofort hin. Wann konnte man schon solch ein spannendes Unglück im Original erleben. Wie sahen Vergiftete aus?

Als ich die Küchentür öffnete, hatte ich einen unvergesslichen Anblick.

Hinter dem Tisch auf der Eckbank saßen mein Opa und mein Onkel Burkard. Beide sagten kein Wort, sondern grinsten still vor sich hin. Dabei lösten sie Kohletabletten in großen Gläsern Milch auf. Dieses Getränk war ihnen vom schnell gerufenen Arzt verschrieben worden.

Meine Oma war immer noch fassungslos und jammerte in einem fort: „Wir sterben, wir sind vergiftet. Opa bringt uns alle um.“ Dabei schlug sie in ihrer typischen Manier immer wieder die Hände über dem Kopf zusammen. „Herrgott, Maraunjosef!“

Es starb niemand. Durch die lange Schmorzeit war das Gift der Tulpenzwiebeln nahezu unschädlich geworden. Auch meine Oma beruhigte sich wieder, obwohl sie der Verlust der schönen Tulpenzwiebeln lange wurmte. Mein Opa musste sich viel anhören. Bei jeder Familienfeier wurde die Geschichte von ihm gefordert. Für mich war er der coole Held. Tulpenzwiebeln kochen, das ist wie japanischen Kugelfisch zubereiten.

 

aus „… und Kain erschlug den Abel“