Es hatte keinen Absender. Nun hatten sie ihn doch erwischt. Erwischt, nachdem er sie entdeckt hatte.

Schnell wollte er mit zitternden Fingern die Schnur des braunen Pakets lösen, da erschrak er. Wer weiß, was sie ihm da geschickt hatten? Eine Warnung? Vielleicht ein Paketbombe?

Wolfgang zwang sich zur Ruhe und zum Nachdenken, setzte sich und ließ die Ereignisse der letzten Wochen noch einmal in Gedanken an sich vorüberziehen.

Angefangen hatte es, als er im Herbst einen Ausflug mit seiner neuen 8. Klasse unternommen hatte. An solchen Tagen waren die Schüler und Schülerinnen meist etwas aufgeschlossener und mitteilsamer als sonst. Außerdem unterhielten sie sich viel miteinander und gaben nicht unbedingt Acht, ob ein Lehrer in der Nähe war.

So wurde er, ohne es richtig zu wollen, Zeuge eines Gesprächs zwischen Marco und Oliver: „Kommst du am Mittwoch auch wieder zu Dieter?“

„Ja, das bringt's voll. Mal so richtig Action!“

Weiter ließen sich die beiden Jugendlichen nicht aus, doch es reichte Wolfgang, um sich Gedanken zu machen. Action mit Dieter? Ob das etwa ein Pädophiler war, der die Jugendlichen einlud? Vielleicht drehte er sogar Pornofilme mit ihnen? Man hörte doch manchmal von solchen Dingen.

Dann wies er diese Gedanken entschlossen von sich; er hatte da wohl eine zu lebhafte Phantasie. Doch das kurze Gespräch der beiden Jungen ging ihm nicht mehr aus dem Sinn. Und da er sich für seine Schüler verantwortlich fühlte, nahm er sich vor, herauszufinden, welche Bewandtnis es mit diesem Dieter hatte. Fragen wollte er die Jungen nicht – auf eine solche Frage würden sie nicht ehrlich antworten.

Da er die beiden aufmerksam beobachtete,hatte er mehrere Tage später mit angehört, dass sich Marco, Oliver und ein anderer Junge heute Abend um halb sieben Uhr am Brunnen beim Marktplatz treffen wollten. Er beschloss, ihnen heimlich zu folgen, um herauszubekommen, was die Schüler da vorhatten. Jetzt im Dezember war die Sonne schon lange untergegangen. Wolfgang zog dunkle Kleidungsstücke an und setzte eine schwarze Skimütze auf.

Am Marktplatz angekommen, suchte er eine Nische, von der aus er den Brunnen unauffällig beobachten konnten. Gut, dass er mit dem Fahrrad gekommen war., denn die drei Jungen trafen sich sich auch mit den Rädern. Und schon verschwanden sie in der Dunkelheit. Keiner von ihnen fuhr mit Licht – wahrscheinlich hatten sie es absichtlich nicht eingeschaltet. So musste der Lehrer natürlich auch ohne Licht fahren. Das war gar nicht so einfach, doch unterhielten sich die Jungen meistens laut, und so konnte er ihnen ganz gut folgen.

Nach einigen Kilometern Fahrt außerhalb des Städtchens ahnte er, wohin sie wollten: zum alten Steinbruch. Dieser bestand aus einem riesigen, senkrecht aus dem Berg  geschlagenen Loch und war schon lange stillgelegt.

Vorsichtig schlich er den Jungen nach – er hielt den Atem an bei dem, was er nun zu sehen bekam: Hin- und herhuschende Gestalten mit Taschenlampen – lauter Jugendliche, wie es schien – und geschäftiges Treiben. Ein aufgebauter Schießstand mit aus Karton angefertigten lebensgroßen Figuren, durch das Licht vieler Kerzen unheimlich beleuchtet. Er hörte Schüsse und gleich danach Rufe: „Getroffen!“ – „Daneben!“ Den Namen Dieter konnte er einige Male deutlich vernehmen.

Nun hatte Wolfgang es herausgefunden: Dieser Dieter leitete anscheinend eine Art Wehrsportgruppe und richtete seine Schüler und andere Jugendliche zum Schießen ab.

Beim Zurückfahren ging ihm auf, dass nun eine schwere Verantwortung auf ihm lastete. Was sollte er jetzt tun? Bloß nichts überstürzen! Auf keinen Fall wollte er, dass die Schüler zu bald erfuhren, dass er dahinter gekommen war, was sie nachts trieben.

Doch versuchte er, in seinem Unterricht des Öfteren die Themen „Rechtsradikalismus“, „Verführen“ und „Mitläufer“ anzusprechen, Unauffällig, wie er meinte.

Er hatte noch mit niemand über seine beklemmende Entdeckung besprochen, da er sich noch nicht im Klaren war, was er überhaupt machen sollte. Das Ganze ignorieren? Einfacher wäre es für ihn.

Und nun dieses verdächtige Paket! Sie hatten wahrscheinlich doch bemerkt, dass er sie heimlich beobachtet hatte. Eine andere Erklärung gab es für ihn nicht.

 

Schwerfällig erhob er sich vom Küchenstuhl. Sollte er das Paket vorsichtshalber im Garten öffnen? Sollte er die Polizei benachrichtigen und sie um  Öffnung des Pakets bitten? Die würden ihn vielleicht auslachen.

Fest entschlossen näherte er sich nun dem Paket. Er knotete die derbe Schnur auf, entfernte das Packpapier und öffnete den Karton, der darunter zum Vorschein kam.

Tief atmete er nun vor Erleichterung und seine Anspannung löste sich in einem ironischen Lachen. Die schusslige Tante Martha! Ihr alljähriges obligatorisches Weihnachtspaket für ihn! Selbst gebackene Plätzchen und eigens für ihn gestrickte Socken. Und wieder mal hatte sie den Absender vergessen!

Ein Stein fiel ihm von Herzen!

 

Doch das Problem, was er mit seinem gefährlichen Wissen anfangen sollte, war immer noch nicht gelöst.